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Bistum Würzburg  > Im Wortlaut  > Predigten 2003

Gedenkgottesdienst für Professor Dr. Dr. Klaus Wittstadt

am 13. März 2003 in der St. Michaelskirche Würzburg

1 Tim 6,12-16 / Joh 17,24-26

Bischof Paul-Werner Scheele

Der Auftrag

„Erfülle deinen Auftrag rein und ohne Tadel, bis zum Erscheinen Jesu Christi, unseres Herrn“ (1 Tim 6,14). Diese Worte, die dem Apostelschüler Timotheus zugedacht sind, gelten uns allen. Wir alle haben in dieser Welt und für diese Welt einen je eigenen Auftrag erhalten, den kein anderer wahrnehmen kann. Unser zeitliches und ewiges Geschick hängt entscheidend davon ab, ob und wie wir diesem Auftrag nachkommen. Dabei ist es eine wichtige Hilfe wenn wir sehen, wie andere ihrem jeweiligen Auftrag entsprechen. Diese Hilfe hat der allzu früh verstorbene Professor Klaus Wittstadt vielen gegeben. Natürlich können wir uns nicht anmaßen, den persönlichen Auftrag, der ihm zuteil wurde, genau zu kennen; wohl aber können wir Einiges davon ausmachen, wenn wir uns sein Leben und Wirken vergegenwärtigen. Sicherlich gehörten die beiden Elemente dazu, die im Titel der ihm zum 60. Geburtstag gewidmeten Festschrift stehen: „Zeugnis und Dialog“.

Zunächst gelten diese Worte dem II. Vatikanischen Konzil. Sie vermitteln geradezu einen Schlüssel zu seinem Verständnis. „Das Konzil weist darauf hin, dass ein Zeugnis ohne Dialog, ein Zeugnis, das es nicht wagt, sich auf den anderen einzulassen und dem anderen auszusetzen, beziehungslos und damit ebenso belang- wie wertlos bleibt. Das Konzil unterstreicht aber in gleicher Weise, dass ein Dialog ohne feste Orientierung >grundlos< und ziellos wird.“ Seit der Heimgerufene während römischer Quellenstudien das Konzilsgeschehen aus nächster Nähe miterleben konnte, hat ihn dieses nicht mehr losgelassen. Bis zuletzt hat er sich um dessen Erforschung und Vermittlung gemüht. Dabei fanden Persönlichkeiten, die sich durch ihr Zeugnis und ihre Dialogbereitschaft verdient gemacht haben, seine besondere Aufmerksamkeit. Zu ihnen zählen die Kardinäle Julius Döpfner, Franz König, Léon Suenens, Paul-Ėmile Léger, Bernard Jan Alfrink und Erzbischof Léon-Arthur Elchinger. Persönliche Begegnungen und gründliches Aktenstudium befähigten Klaus Wittstadt dazu, nicht nur über das Zeugnis und den Dialog der Konzilsväter zu berichten, sondern selber in diesem Sinne zu wirken. Wie er das tat, kann uns der dreifache apostolische Appell bewusst machen, der zunächst an Timotheus erging: Kämpfe den guten Kampf, bekenne vor vielen Zeugen, ergreife das ewige Leben!

Das Wirken

Kämpfe den guten Kampf

Professor Wittstadt war eine Kämpfernatur. Die Frage Ijobs: „Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben auf der Erde?“ (Ijob 7,1) hätte er spontan bejaht. Er teilte die Überzeugung Senecas: „Vivere militare est“ . Für den Heimgerufenen hieß „zur Kenntnis nehmen“: „in Angriff nehmen“. Für vieles hat er sich mit ganzer Kraft eingesetzt. Insbesondere hat er gemäß dem apostolischen Appell gehandelt: „Kämpfe den guten Kampf des Glaubens“ (1 Tim 6,12). Das gilt zuerst für die Glaubensentscheidung. Sie ist nicht zuletzt ein Ja zur Nachfolge Christi, ein Ja, das die Bereitschaft einschließt, mit ihm und für ihn zu kämpfen. Überdies ist der „Kampf des Glaubens“ im Blick auf das Glaubensgut und die Glaubensgemeinschaft gefordert. „Kämpft für den überlieferten Glauben, der den Heiligen ein für allemal anvertraut ist,“ heißt es im Brief des Judas (Jud 3). Das Glaubensgut ist das kostbarste Erbe, das der Kirche hinterlassen ist. Es ist ein „Schatz in zerbrechlichen Gefäßen“ (2 Kor 4,7). Um so wichtiger ist die Abwehr aller Attacken und der Einsatz für das Anvertraute. Dieser Kampf kann nur im solidarischen Miteinander der ganzen Glaubensgemeinschaft gewonnen werden. Als kenntnisreicher Historiker wusste Professor Wittstadt um die Grenzen und Schwächen der Kirche, um ihr Versagen im Laufe der Zeit und um die Probleme, die ihr heutzutage zu schaffen machen. Das verführte ihn nicht dazu, billig und hämisch zu kritisieren und innerlich auf Distanz zu gehen; es war vielmehr Anlass, treu zur Kirche zu stehen und sich kämpferisch für sie einzusetzen. Das geschah sowohl im Blick auf die gesamte Kirche wie auf die Kirche am Ort, dem Bistum. Unschätzbar sind die Dienste, die er insbesondere der Diözese Würzburg erwiesen hat: als akademischer Forscher und Lehrer, als Leiter des Diözesangeschichtsvereins, als Herausgeber der Diözesangeschichtsblätter und als wissenschaftlicher Leiter des Diözesanarchivs.

Bekenne vor vielen Zeugen

In den unterschiedlichen Einzelaufgaben hat sich der Verstorbene als Professor im besten Sinne des Wortes engagiert. Er hat – um mit den Worten unserer Lesung zu sprechen – „vor vielen Zeugen das gute Bekenntnis abgelegt“ (1 Tim 6,12). Welche Bedeutung solchem Bekennen in der Sicht des Glaubens beizumessen ist, wird im sich anschließenden Satz deutlich: Er sagt von Jesus Christus, dass dieser selber „vor Pontius Pilatus das gute Bekenntnis abgelegt hat“ (1 Tim 6,13). Das freimütige, offene und öffentliche Bekenntnis ist somit konkrete Nachfolge Christi. Er verpflichtet die Seinen durch sein Wort wie durch sein Beispiel zum Bekenntnis und verheißt ihnen: „Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen“ (Mt 10,32). Für Paulus sind Glauben und Bekennen wesenhaft miteinander verbunden. Er schreibt den Römern: „Wenn du mit deinem Mund bekennst: >Jesus ist der Herr< und in deinem Herzen glaubst: >Gott hat ihn von den Toten auferweckt<, so wirst du gerettet werden. Wer mit dem Herzen glaubt und mit dem Mund bekennt, wird Gerechtigkeit und Heil erlangen“ (Röm 10,9f.). Für Professor Wittstadt war das freimütige Bekennen nicht eine leidige Pflicht, es war für ihn Herzenssache. Darin liegt wohl die Überzeugungskraft begründet, mit der er zu reden wusste. Immer wieder sprang in Vorlesungen und Vorträgen der Funke über. So konnte seine Hörerschaft befähigt werden, selber wiederum Zeugnis zu geben. Das Bekenntnis „vor vielen Zeugen“ (1 Tim 6,12) macht aus Zeugen des Bekennenden Zeugen Jesu Christi und seiner Kirche und letztlich Zeugen Gottes, „von dem alles Leben kommt“ (1 Tim 6,13).

Im Blick auf dieses Leben, das der schenkt, „der allein die Unsterblichkeit besitzt“ (1 Tim 6,16), heißt ein letzter Appell:

Ergreife das ewige Leben

Wie immer der Auftrag eines Menschen im einzelnen aussehen mag, in jedem Fall geht es um das ewige Leben. Der „selige und einzige Herrscher ..., der allein die Unsterblichkeit besitzt“ (1 Tim 6,15f.), will seine Seligkeit und seine Unsterblichkeit nicht für sich behalten. Er hat uns ins Dasein gerufen, um uns in sein Leben hineinzurufen. Obgleich er das ewige Glück jedes einzelnen Menschen will, zwingt er es niemandem auf. Er will uns seine Lebens- und Liebesgemeinschaft nicht aufoktroyieren, er will sie uns schenken. In allen Phasen unserer Existenz sagt er uns: „Ergreife das ewige Leben, zu dem du berufen worden bist“ (1 Tim 6,12).

Auf dieses Leben zielt auch das Abschiedsgebet Jesu ab. Es lässt die wunderbare Wahrheit aufleuchten, dass uns das ewige Leben nicht wie eine Gabe zuteil werden soll, die Gott aus seinem unermesslichen Reichtum uns zuweist, während er selber unverändert sozusagen für sich bleibt. Er will viel mehr, unendlich viel mehr: Er will uns in sein Leben und Lieben hineinnehmen. Er will auf die persönlichste Weise mit uns für immer verbunden sein. Das offenbaren uns die Worte: „Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor der Erschaffung der Welt“ (Joh 17,24). „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein“ (Joh 17,21), „damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und damit ich in ihnen bin“ (Joh 17,26).

Schließen wir uns dem Gebet des Herrn an. Erbitten wir, dass er seinem treuen Diener Klaus Wittstadt reichen Anteil an dieser Herrlichkeit schenkt, dass er ihm verzeihe, was er in menschlicher Schwachheit gesündigt hat, dass er vollende, was er in ihm begonnen hat, dass er ihm sagt: „Komm, geh ein in die Freude deines Herrn“ (Mt 25,21). Amen.