Der Griff nach den PaulinenNach der Schilderung der Confessiones begegnet uns von diesem kongnitiven Wandel ab in Mailand ein Augustinus, dem sein gewohntes Leben von Tag zu Tag mehr zur Last wurde. Er sucht neue Wege, um vorwärts zu kommen, und greift zu den Schriften des Apostels Paulus (conf. 7,21). Diesen Griff nach den Paulinen zeichnet er besonders anschaulich in dem bald nach seiner Bekehrung geschriebenen Dialog Gegen die Akademiker. Er berichtet dort von dem Feuer, das die Schriften der Neuplatoniker in ihm entfacht hatten, und fährt fort: "Eilends kehrte ich ganz und gar zu mir zurück. Dennoch, ich gestehe es, schaute ich mich gleichsam wie auf einer Wanderung nach jenem Land um, das uns als Kindern eingepflanzt und ins Mark eingesenkt wurde. In der Tat, dieses Land meiner Kindheit zog mich ohne mein Wissen an. Und siehe, da greife ich bald schwankend, bald eilend, bald wieder zögernd nach dem Apostel Paulus ... Mit größter Aufmerksamkeit und Ehrerbietung las ich ihn ganz durch" (Acad. 2,2). Exempla trahunt - Bekehrungsgeschichten Waren auf der kognitiven Ebene bereits alle Hindernisse beseitigt, so mußte nach der deutenden Darstellung der Confessiones auf der emotionalen noch einiges in Gang gesetzt werden. Augustins Wille sei noch "wie in Ketten gebunden" gewesen (conf. 8,5). Diese Trägheit überwand der Zögernde durch Impulse, die er durch den Bericht des Priesters Simplicianus über das Leben des Neuplatonikers Marius Victorinus und schließlich durch die Erzählungen seines Landsmannes Ponticianus über den Mönchsvater Antonius sowie über die wunderbare Bekehrung zweier kaiserlicher Offiziere gerade zur rechten Stunde zu hören bekam. Was das Leben des Victorinus betraf - er kam ca. 340 nach Rom, wurde im Jahre 355 getauft und starb im Jahre 361 -, so mußte Augustinus in dessen Bekehrungsgeschichte gleichsam das Spiegelbild seiner eigenen sehen. Jener war ein gefeierter Rhetor, ein belesener Philosoph, Lehrer, dazu Landsmann, Afrikaner, der durch die Lektüre der Schrift zum Christentum kam (conf. 8,2). Von Ponticianus bekam er gleich drei Bekehrungsgeschichten zu hören: Die des Antonius konfrontierte ihn mit der Existenz des christlichen Mönchtums. Die Idee eines gemeinsamen Lebens mit Gleichgesinnten war im Mailänder Freundeskreis Augustins schon des öfteren besprochen worden. Der Plan scheiterte jedoch an der Frage der Teilnahme der Ehefrauen an dieser Lebensform (conf. 6,14). Antonius und die ägyptischen Mönche brachten es fertig, wozu die Bibel in seinen Augen riet: zum Rückzug aus der Welt. Ponticianus fügte seiner Erzählung über Antonius noch die Bekehrungsgeschichte zweier ihm persönlich bekannter kaiserlicher Offiziere hinzu. Diese fanden auf einem Ausflug bei Trier in einer Mönchszelle die Vita des Antonius. Nach deren Lektüre verließen sie ihre Bräute, gaben ihre Karriere auf und wählten für sich die monastische Lebensform (conf. 8,6).
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