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HANS DUNZER IN PIAM MEMORIAM (* 24.08.1929,  + 31.08.1998)

Von Cornelius Petrus Mayer OSA

 

"2:0" oder "3:1 für Rot-weiß Oberhausen!" - so schallte es jeweils an den Montagen auf dem Korridor des alten Mürschter Pennals Ende der Vierziger Jahre, wenn Hans Dunzer seinen ihn mit der jüngsten Sportzeitung versehenden Intimus Rudi Hofmann begrüßte. Wir waren damals Klosterschüler, 'eingekleidet' - in der 7. und 8. Klasse trugen wir 'Oblaten’ genannten Aspiranten bereits den Habit (Mönchskutte) - und als solche hatten wir nur auf Umwegen Zugang zu so harmlosen Informationen wie über Fußballergebnisse in der Oberliga.

Mit seinem Ordensnamen hieß Hans Dunzer Frater Kunibert. Seine Familie lebte im westfälischen Appeldorn. Dort versah Pastor Suitbert Beckmann, ein ehemaliger Augustiner und Bruder von P. Thomas Beckmann, die Pfarrei. Offensichtlich erkannte jener die eminente Begabung dieses seines Ministranten und schickte ihn vor Weihnachten 1943 nach Weiden (Opf.) in das zwar offiziell aufgelöste, heimlich jedoch weitergeführte Klosterseminar. Dort wurde der Vierzehnjährige von P. Cherubim Uhl aufs Gymnasium vorbereitet, während er gleichzeitig die Volksschule besuchte. Bereits Ende des Schuljahres 1943/44 machte er die Aufnahmeprüfung in die fünfte Klasse.

Nach dem Krieg gehörte Hans Dunzer mit zu den ersten Schülern des wiedereröffneten Gymnasiums in Münnerstadt. Der Unterricht langweilte ihn. Während der von einer diplomierten Apothekerin statt einer Anglistin erteilten Englischstunde las er gewöhnlich die Zeitung: "Kommen Sie gestern! Der Laden ist heute zu", lautete seine Antwort auf deren schüchterne Frage, ob er denn nicht mitmachen wolle. Zur Erledigung seiner schulischen Aufgaben brauchte er nur selten länger als eine Stunde Zeit. Danach vertiefte er sich entweder in Kriminalromane von Edgar Wallace oder er fuhr mit einem Handwagen Steine für einen Blumengarten herbei, den der Regens der Klosterschule in einer Ecke des Hofes anlegen ließ, oder er machte sich sonst in Betrieben des Klosters nützlich. Hans war alles andere als ein Streber. Es genügte ihm die Note Zwei, auf die Eins, die er nicht selten erhielt, war er nicht versessen. "Dunzer, wären sie doch wenigstens noch eine halbe Stunde geblieben", seufzte wiederholt Oberstudienrat Specht bei der Rückgabe der Deutschaufsätze in der Oberprima, "es reichte so beim besten Willen nicht mehr für die Eins!" Mathematik interessierte ihn einfach nicht. Bei Schulaufgaben gab er in diesem Fach des öfteren ein makelloses Blatt ab. Zu jener Zeit konnte man eine schlechte Note mit anderen guten ausgleichen. Das wußte er, und darauf verließ er sich. Kurz vor dem Abitur nahm er jedoch bei Herrn Traßl, dem renommierten Nothelfer schwacher Mathematiker, ein paar Stunden Nachhilfe. Und siehe, er schrieb im Abi in Mathematik eine Drei.

In den Schuljahren 1946/47 und 1947/48 herrschte in Deutschland Hungersnot. Von Zeit zu Zeit bekam Hans Dunzer von einer Bekannten namens Schüren Lene, die offensichtlich auf einem Bauernhof in Appeldorn arbeitete, ein 'Freßpaket'. Er öffnete es vor unser aller Augen und aß es sogleich, uns, seine Altersgenossen, dazu einladend, auf. Freigebigkeit und Herzensgüte, Aufrichtigkeit und Geradheit, allem voran Dankbarkeit waren die hervorstechenden Eigenschaften seines Charakters, die ihn Zeit seines Lebens auszeichneten. So oft er mich später in Würzburg besuchte, fuhr er auch ins Mutterhaus der Ritaschwestern, um jene inzwischen alt und gebrechlich gewordenen Schwestern, die sich seiner in den Jahren der Not und der Entbehrungen angenommen hatten, mit Blumensträußen zu beehren. Solange er beruflich tätig war, kam er auch zu unseren Klassentreffen nie ohne eine kleine Aufmerksamkeit für jeden und jede.

Aus mir nicht einsichtigen Gründen wurde Hans Dunzer von den Augustinern zum Noviziat nicht zugelassen, was ihn sicher geschmerzt haben wird. Es scheint jedoch, daß er damit im Sinne des Sprichwortes, "Perfer et obdura, dolor hic tibi proderit olim", fertig geworden ist. Nach dem Abitur kamen harte Jahre auf ihn zu. Er jobbte zunächst fünf Jahre in Frankfurter Lokalen, dann weitere fünf Jahre bei der KLM. Während dieser Zeit lernte er 1957 in Hannover seine Frau Lisa kennen, mit der er eine Tochter hat. Von Hannover aus gelang ihm der Sprung zur Lufthansa, wo er rasch Karriere machte. Als für Public Relations verantwortlicher Kaufmann eröffnete er seiner Firma wichtige Märkte in Singapur, in Australien, in den Ländern Südafrikas und Südamerikas. Im Jahr 1976 mußte er sich einer schweren Herzoperation unterziehen. Ein Jahrzehnt später verließ er, inzwischen allseits respektierter und geliebter Personalchef in Hannover, die Lufthansa. Regelmäßig nahm er seitdem an den jährlich stattfindenden Klassentreffen der Abituria 1949 teil, ein geschätzter Gesprächspartner, weil aufmerksamer und einfühlsamer Zuhörer - nie vorlaut, stets vornehm zurückhaltend.

Jetzt, nachdem er von uns gegangen ist, frage ich mich: Was hätte Hans Dunzer beruflich erreichen können, wäre es ihm, dem Hochbegabten, vergönnt gewesen, ein akademisches Studium zu absolvieren? Hätten wir aber an ihm noch mehr haben können? Mit Sicherheit nicht. Folgende Episode wirft helles Licht auf seine charaktervolle Persönlichkeit. In der Oberklasse mußten wir Klosterschüler am Hebraicum teilnehmen. Als eines Tages der den Unterricht erteilende Pater auch nach einer halben Stunde nicht eintraf, gab Frater Kunibert mutig das uns demütigende Warten auf und kehrte beherzt in den Studiersaal zurück, während wir, auf Gehorsam und Untertänigkeit getrimmt, den säumenden Lehrer weiter brav erwarteten. Der tobte: Er werde dafür sorgen, daß dieser Frater Kunibert zum Noviziat nicht zugelassen werde - was dann, wie erwähnt, tatsächlich auch geschah. Trotzdem trug Hans Dunzer diese schicksalhafte Entscheidung gegen ihn dem Orden nicht nach. Im Gegenteil, er erwies sich ihm gegenüber stets dankbar. Er wußte, daß es letzten Endes Augustiner waren, die ihm in Zeiten des Krieges und in den Jahren danach den Weg zum Abitur ermöglicht hatten. Das konnte und wollte er nicht vergessen.

Wer spricht heute noch von der Dankbarkeit? Ist sie nicht eine der seltenen Tugenden geworden? Gewiß, helfen wir anderen nur um des Dankes willen, so setzen wir den, dem wir helfen, herab. Wer aber Hilfe empfängt, ohne dankbar zu sein, der setzt sich selber herab. Ich vermag die Anhänglichkeit meines Freundes Hans Dunzer uns Augustinern gegenüber nur aus seinem in der Dankbarkeit gipfelnden Charakter zu verstehen. Die gleiche Anhänglichkeit erwies er, wie mir seine Frau sagte, auch seiner Firma, und, wie wir selbst, seine Klassenkameradinnen und Klassenkameraden, dies immer wieder erfahren konnten, seiner Münnerstädter Abituria 1949.

Wir trauern zwar um ihn, es erfüllt uns aber auch dankbare Freude, daß er über ein halbes Jahrhundert zu uns gehört hat. - Requiem aeternam dona ei Domine, et lux pepetua luceat ei!

Würzburg, den 25. September 1998