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TRAUERANSPRACHE BEI DEN EXSEQUIEN VON GERHARD HELMA von Cornelius Petrus Mayer OSA Liebe Mechthild, verehrte Verwandte und Bekannte des Verstorbenen, Schwestern und Brüder im Herrn. "Nach langen Jahren des Leidens hat mein lieber Mann seinen Frieden gefunden", lautet der Text der Traueranzeige für den Verstorbenen, zu dessen Exsequien wir uns hier eingefunden haben. Die Spanne der Zeit, die zu leben ihm gegeben war, reichte von Ostern 1929 bis Ostern 2001. Als Gerhard Helma am Abend des Karsamstags starb, schickte sich die Christenheit gerade zur Feier jener Nacht an, die einer der schönsten Hymnen der Kirche, das sogenannte 'Exultet', besingt. Mit einer geradezu schwebenden Schwerelosigkeit überwindet dieser Gesang die auseinanderliegenden Tonhöhen und steigt so zu einem Jubel schier ohne Ende empor. Immer wieder setzt der Gesang mit der Formel an: "Dies ist die Nacht", um dann in dem Satz zu kulminieren: "O wahrhaft selige Nacht, die Himmel und Erde versöhnt". Schließlich bringt dieser Hymnus das Wesen des Christentums mit einem ungeheuer kühnen Gedanken zum Ausdruck, indem er den weiten Bogen zwischen der Sünde Adams sowie aller Adamskinder und der Wiedergutmachung durch Christus in dem Satz preisend zusammenfasst: "O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden!" 'Christ sein' wird missverstanden, wenn man es an makellose Sittlichkeit bindet. Wird uns nicht beinahe auf allen Seiten der Bibel gezeigt, dass wir Menschen dazu schlicht unfähig sind? Wohl kennt das Evangelium sittliche Imperative, aber sie sind nicht sein Kern. Im Römerbrief, der wichtigsten Schrift des Neuen Testamentes, verdeutlicht der Apostel Paulus diesen biblischen Befund. Darin hämmert er dem Leser gleichsam ein: "Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren". Und er fügt hinzu: "Ohne eigenes Zutun werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus". "Kann man sich da noch rühmen?" fragt er einige Sätze weiter. "Das ist ausgeschlossen", lautet seine Antwort (Röm 3,23-27). Und weil Christen auch noch nach der Taufe im Bannkreis der Sünde bleiben, illustriert der Apostel diesen Tatbestand, indem er von sich bekennt: "Das Wollen ist bei mir vorhanden, aber ich vermag das Gute nicht zu verwirklichen. Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will" (ebd. 7,18b f.). Kann man es noch deutlicher sagen, dass es im Christentum primär nicht auf eine makellose Lebensführung ankommt, sondern auf den Glauben, dessen Inhalt Christi Heilswerk ist? Am Ende seiner Klage über die Ohnmacht des Menschen in puncto Gesetzeserfüllung fragt der Apostel abermals nicht weniger vielsagend: "Ich unglücklicher Mensch! Wer wird mich aus diesem Todesleib erretten?" Kurz und präzise lautet die Antwort darauf: "Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn" (ebd. 7,24f.). 'Christ sein' und 'Glauben' meint somit doch: In der Frage des Heils alles auf unseren Erlöser setzen. Gewiss: Schuld bleibt Schuld. Aber ist nicht für alle Schuld 'ein für allemal' (Hebr 7,27) Sühne getan? Es sei darum nochmals an den Satz von der glücklichen Schuld im 'Exultet' der Osternacht erinnert, die einen solchen Erlöser zu erhalten verdient hat. Christen - auch der sogenannten Amtskirche - haben bei der Verkündigung des Evangeliums dessen trostreiche Mitte nicht selten zugunsten der Schrecken vor einer Verdammnis verdrängt. Sie sahen nicht mehr, dass der Gedanke an das Gericht, den das Neue Testament zweifelsohne artikuliert, nur die dunkle Folie sein will, auf der das Evangelium von der Versöhnung umso heller aufleuchtet. Aus der christlichen Dichtung des Mittelalters ist uns ein weiterer Hymnus überliefert, der das Drama der Rechtfertigung eines verstorbenen Christen in einer ungemein packenden Sprache darstellt. Viele Künstler, Maler und Komponisten ließen sich davon inspirieren. Vor der Liturgiereform gehörte er noch zum integrierenden Bestandteil der Totenmessen - der Hymnus 'Dies irae'. In unserem Jahrhundert verstand man das Evangelium, die Frohbotschaft dieses Hymnus nicht mehr. Man sprach von Schreckensbildern der Apokalyptik, von einer christlichen Racheutopie in Form einer Heimzahlung am jüngsten Tag. Wer kennt nicht die Verse vom Klang der Posaunen, der durch die Gräber dringt; vom Schauder, mit dem die Toten sich erheben, um Rechenschaft dem Herrn zu geben; vom Buch, in dem eingetragen alle Schuld aus Erdentagen? Der Hymnus, so argumentierte man, nehme den Glaubenden jede Hoffnung auf das Heil. Man entfernte ihn daher aus der Totenmesse - zu Unrecht, meine ich. Denn glaubt der Mensch an Christi Heilswerk, dann sind die apokalyptischen Bilder dieses Textes, wie schon gesagt, lediglich die dunklen Folien, auf deren Hintergrund die Gnade und die Begnadigung, die Rechtfertigung des Sünders aufgrund des Glaubens an den Heilstod Jesu Christi, umso strahlender aufleuchten. "König schrecklicher Gewalten, Frei ist deiner Gnade Schalten: Gnadenquell, lass Gnade walten!", heißt es mitten im Hymnus. Und bringt dieser nicht Christi Erlösungswerk ergreifend zum Klingen, wenn er fortfährt? "Milder Jesus, wollst erwägen, Dass du kamest meinetwegen, ... Bist mich suchend müd gegangen. Mir zum Heil am Kreuz gehangen, Mög dies Mühn zum Ziel gelangen ... Hast vergeben einst Marien, Hast dem Schächer dann verziehen, Hast auch Hoffnung mir verliehen". Verehrte Trauergemeinde! Sie werden den sinnigen Satz, "Bald nisten Sterne in des Müden Brauen", auf der Traueranzeige gelesen haben. Er ist dem Band Dichtungen von Georg Trakl entnommen und zwar dem Gedicht mit der Überschrift: "Der Herbst des Einsamen". Der Lebensweg des Verstorbenen scheint in diesem Vers integrativ versprachlicht zu sein. Gerhard Helma war ein Einsamer, ein hochsensibler und hochbegabter Mensch, ein Künstler, dessen Traum, Musik studieren und als Beruf ausüben zu dürfen, wegen der Verhältnisse in der Nachkriegszeit nicht in Erfüllung ging. Wohl die Nähe der Musik zur Mathematik führte ihn zu dieser strengsten, durchdachtesten und logischsten aller Wissenschaften, von der nicht nur die Pythagoreer lehrten, Gott selbst müsse Mathematiker sein, denn er treibe ständig Geometrie - ho theos aei geometrei. Auch die Bibel lehrt von Gott, dem Schöpfer, er habe 'alles nach Maß und Zahl und Gewicht erschaffen' (Weish 11,21). Mit umfassendem Wissen ausgestattet war Gerhard Helma stets ein anregender Gesprächspartner. Seine durch die Krankheit bedingte Vereinsamung hat sicher ihm selbst am meisten zugesetzt. Der Vers auf der Traueranzeige zeigt vielleicht aufs Beste die Größe, aber auch die Tragik des Verstorbenen - Größe und Tragik, die sich in unserem irdischen Leben so häufig wechselseitig bedingen. "Nach langen Jahren des Leidens hat er seinen Frieden gefunden", er, der 'herbstlich Einsame', an dessen Bahre wir nun stehen, um uns von ihm zu verabschieden. Indes, die Exsequien erinnern uns Christen auch daran, dass dieser Abschied kein endgültiger ist. So verbinden wir ihn in christlicher Zuversicht mit der Bitte, zu der uns die letzte Strophe des 'Dies irae' anhält: 'Lass ihn, Gott, Erbarmen finden. Milder Jesus, Herrscher du, schenk dem Toten deine Ruh. Amen'.
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