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NACHRUF AUF STEFAN MAYER Von Cornelius Mayer Unser Bruder Stefan pflegte zum Wochenende mit den Verwandten, Freundinnen und Freunden sowie Bekannten zu telefonieren. Unter diesem Aspekt war er kommunikativ wie kaum ein Zweiter unserer Landsleute, denn wer freut sich nicht über einen Anrufer, der von den Angerufenen nichts fordert, nichts erbittet, sondern sich für sie schlicht interessiert und ihnen allerhand Interessantes mitzuteilen gewillt ist? Wohl aus diesem Grund erhielt ich seit seinem unerwarteten Tod Anrufe aus dem In- und Ausland von Leuten, von Vereinsamten darunter, die mir bekannten, wie sehr sie in Zukunft diese regelmäßigen Ferngespräche unseres Bruders vermissen werden. Wenn ich den Heimgegangenen kurz charakterisieren darf – er war immerhin 4 Jahre lang in einem Internat, das ich in den fünfziger Jahren leitete –, dann gehörte er bereits im Gymnasium, das er in Würzburg besuchte, zu den Leitfiguren seiner Klasse (in der Regel war er Klassensprecher), nicht viel anders verhielt es sich im Internat. Er glänzte nicht in der Schule, dafür auf der Bühne. Das Schauspiel und die Musik zählten zu seinen Fähigkeiten, ja Leidenschaften. Wenn er auf den Brettern stand, war er in seinem Element. Wie oft erhielt ich von ihm abends Anrufe, ich solle Bayern 3 einschalten, um ein Stück von Ludwig Thoma oder ähnliches zu sehen! Eines seiner Lieblingsstücke hieß Der Brandner Kasper und das ew’ge Leben – Sie werden es wahrscheinlich kennen. Diese Geschichte in bayerischem Dialekt mit ihrem tiefen Hintersinn ist schnell erzählt: Den Büchsenmacher am Tegernsee soll der Tod, liebevoll Bandelkramer genannt, holen. Der Brandner möchte nicht mit. Er macht den Gast aus dem Jenseits betrunken, kartet mit ihm ums Weiterleben und gewinnt etliche Jahre hinzu. Doch als der Schwindel im Himmel auffliegt und der Tod noch einmal um ihn geschickt wird, findet dieser einen durch Schicksalsschläge bereits gebrochenen Kasper vor. Der Tod möchte sein Wort halten und den Alten nicht mit Gewalt abholen. So greift er zu einer List. Er lässt ihn probeweise für eine Stunde ins Paradies schauen. Als jedoch der Brandner seine Verwandten in der Seligkeit wieder sieht, will er nichts mehr wissen von der Welt dort unten und sagt allen Himmlischen tausend Mal Dank dafür, dass er hierher kommen durfte. Des öfteren sprachen wir nach den Aufführungen über das kommende Leben, das dieses Stück in seiner Volkstümlichkeit so plastisch, so anschaulich schildert. Nach einer solchen sagte einmal mein Bruder: "Wie immer es sein wird, es wird schön sein!" Und sagt dies das Neue Testament nicht ähnlich? "Was keine Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: Dies ist es, was Gott denen bereitet, die ihn lieben" – so der Apostel Paulus in seinem Ersten Korintherbrief (2,9). Diese Verheißung gibt uns Zuversicht. Ich will unseren Bruder Stefan nicht kanonisieren, d.h. heilig sprechen. Er war wie wir alle ein Mensch, und Mensch sein heißt Schwächen und Fehler haben. Die Bibel spricht zu Recht von der Sünde. Damit komme ich bereits zur zweiten Vorliebe, die unseren Bruder beseelte: die Musik – konkret die Musik von Johann Sebastian Bach. Sonntag für Sonntag rief er mich nach der Bachkantate des BR um 8:30 Uhr an und fragte: "Hast Du‘s wieder gehört?" Gewiss war er ein katholischer Christ, aber seine Religiosität gipfelte in der Bachschen Musik, im Hören der Matthäus- und Johannespassion, des Weihnachtsoratoriums und der zahlreichen Kantaten des Kirchenjahres. Nicht zu Unrecht wird der große Bach der 5. Evangelist genannt. Wenn seine Kompositionen der Christenheit etwas zu sagen haben, dann dies: Christen sollen sich in Sachen des Heils nicht auf ihr eigenes Können, verlassen, denn dann sind sie im strikteren Sinn des Wortes verlassen. Nein, bei Bach kommt alles auf Gott und auf den an, der für uns gekreuzigt und verherrlicht worden ist. Der Glaube ist grenzenloses Vertrauen auf Gottes Erbarmen. In diesem Sinne war unser Bruder Stefan gläubig. Wie gewohnt, erhielt ich auch am 14. November, dem Tag, an dem er wahrscheinlich noch gestorben ist, den vertrauten Anruf um 8:30 Uhr. Es war unser letztes Gespräch. War es ein Vermächtnis? Hören Sie bitte wenigstens den Text dieser ergreifenden Kantate 139 an, den Johann Sebastian Bach seiner Verkündigung zugrunde legte. Damit will ich meinen Nachruf auf unseren Bruder, Vater, Großvater, Onkel und Schwager, auf den Verwandten und Bekannten schließen. Chor: Wohl dem, der sich auf seinen Gott recht kindlich kann verlassen! Den mag gleich Sünde, Welt und Tod und alle Teufel hassen, So bleibt er dennoch wohlvergnügt, wenn er nur Gott zum Freunde kriegt. Arie des Tenors: Gott ist mein Freund; was hilft das Toben, so wider mich ein Feind erhoben! Ich bin getrost bei Neid und Hass. Ja, redet nur die Wahrheit spärlich, Seid immer falsch, was tut mir das? Ihr Spötter seid mir ungefährlich. Rezitativ des Alt: Der Heiland sendet ja die Seinen recht mitten in der Wölfe Wut. Um ihn hat sich der Bösen Rotte zum Schaden und zum Spotte mit List gestellt; Doch da sein Mund so weisen Ausspruch tut, so schützt er mich auch vor der Welt. Arie des Bass: Das Unglück schlägt auf allen Seiten um mich ein zentnerschweres Band. Doch plötzlich erscheint die helfende Hand. Mir scheint des Trostes Licht von weiten; Da lern ich erst, dass Gott allein der Menschen bester Freund muss sein. Rezitativ des Sopran: Ja, trag ich gleich den größten Feind in mir, die schwere Last der Sünden, Mein Heiland lässt mich Ruhe finden. Ich gebe Gott, was Gottes ist, das Innerste der Seelen. Will er sie nun erwählen, so weicht der Sünden Schuld, so fällt des Satans List. Schlusschoral zusammen mit den vier Solisten: Dahero Trotz der Höllen Heer! Trotz auch des Todes Rachen! Trotz aller Welt! mich kann nicht mehr ihr Pochen traurig machen! Gott ist mein Schutz, mein Hilf und Rat; Wohl dem der Gott zum Freunde hat!
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