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GEDENKGOTTESDIENST FÜR REINHOLD VÖTH AUGUSTINERKIRCHE WÜRZBURG, 25.04.1997 gehalten von Cornelius Petrus Mayer OSA Begrüßung und Einführung Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch! Ich begrüße Sie herzlich auch im Namen des Vorsitzenden des CSU-Kreisverbandes, Herrn Jörg Noell, der zu diesem Trauergottesdienst für Reinhold Vöth, dem ehemaligen Kreisvorsitzenden und Landtagsabgeordneten, einlud. Die Mitglieder der Partei wollen auf diese Weise dem Verstorbenen für die seinerzeit geleistete Arbeit danken. – Gestatten Sie mir, die Gattin des Verstorbenen, Frau Emma Vöth, und die beiden Töchter, Frau Margot Häußler mit ihrer Tochter Mirjam und Frau Ulrike Naber, namentlich zu begrüßen. Als die Kirche vor vier Wochen am Nachmittag des Karfreitags in ihren Mysterien den Tod unseres Herrn und Erlösers feierte, begann für Reinhold Vöth jener Leidensweg, der am Ostersonntag mit dem Herzversagen endete. "Völlig unerwartet und unfaßbar für uns alle, hat Gott, der Herr über Leben und Tod, ihn zu sich genommen ", hieß es in der Anzeige der Familie. Warum das? So fragten auch wir, seine Freunde und seine Bekannten mit der Familie. Ohnmächtig, ratlos und aus Schmerz stumm standen wir da. Und doch müssen wir als Christen das Geschehene einordnen in unseren Glauben. Reinhold Vöth gehörte als Ehrenaugustiner seit 1985 unserem Orden an, dem er, wie er wiederholt betonte, viel verdankte. Wohl auch aus diesem Grunde zeigte er sich uns Augustinern stets aufs engste durch Rat und Tat verbunden. Als ihm eine bekannte Münchner Tageszeitung unter 22 verschiedenen Fragen auch jene vorlegte: „Wer war oder ist ihr Vorbild?", beantwortete er diese mit: „Der Hl. Augustinus". Auf seinem Sterbebild stehen die Sätze aus den ‚Bekenntnissen’ dieses Heiligen, die dessen Auffassung von "der Pilgerschaft des Menschen hier auf Erden aufs bündigste wiedergeben: "Du Gott bist immer ruhevoll, denn du bist selber deine Ruhe. Uns aber hast du auf dich hin geschaffen, und ruhelos ist unser Herz, bis es ruht in dir“. Auf unseren gemeinsamen Reisen in ferne Länder zeigte der Verstorbene stets ein lebhaftes Interesse für die Religion fremder Kulturen. Theologische Dispute um den historischen Jesus und den Glauben der Kirche über diesen Jesus hierzulande waren ihn nicht unbekannt. Daß es bei einem christlichen Sterben auf den letzteren ankommt, das wußte er ebenfalls. Und so denke ich, dürfte es angebracht sein, wenn wir uns im Wortgottesdienst Texte anhören, die vom Glauben der Kirche an ihren Erlöser künden: eine Perikope aus dem Römerbrief von der Zuversicht, daß uns von Christus nichts scheiden kann, und eine aus dem Johannesevangelium vom Weizenkorn, das sterbend Frucht bringt. Davon soll auch in der Predigt vorzüglich die Rede sein. Predigt Es gibt im Neuen Testament einige Schlüsselbegriffe, die uns Auskunft darüber geben, worauf es in der christlichen Verkündigung ankommt. Zu ihnen zählen Versöhnung, Sühne und Erlösung. Es ist nicht von ungefähr, wenn die frühesten neutestamentlichen Schriften – es sind dies die Briefe des Apostels Paulus – das Wesen des christlichen Glaubens allem voran anhand der mit Versöhnung, Sühne und Erlösung bezeichneten Sachverhalte zur Sprache bringen. Voraussetzung der Verkündigung in dem soeben vernommenen Text aus dem Römerbrief ist der auch rational durchwegs nachvollziehbare Tatbestand, daß mit der Welt, speziell mit dem Menschen in der Welt vieles nicht in Ordnung ist. Die Bibel, die der paulinischen Argumentation zugrundeliegt, nennt den Grund dafür Sünde, und sie veranschaulicht dies beinahe auf jeder Seite als einen Bruch zwischen Gott, dem Gerechten, der das Heil des Menschen will, und dem Menschen, der, weil eben kein Gerechter, zur Wiederherstellung seiner Gerechtigkeit der Versöhnung, der Sühne und der Erlösung bedarf. Von diesem Tatbestand ausgehend entfaltet der Apostel Paulus sein Evangelium von Jesus Christus, dem für uns gekreuzigten und auferstandenen Herrn, in dem der Gedanke von der Versöhnung durch Sühne die zentrale Rolle spielt. Für den Apostel gipfelt die Offenbarung Gottes, der Liebe ist und aus Liebe handelt, darin, daß "er seinen eingeborenen Sohn nicht verschonte, sondern ihn für uns alle hingab". In der Hingabe am Kreuz leistete der Sohn seinerseits wirksame Sühne und bewirkte so die Versöhnung, die den Sünder vor Gott gerecht macht, und zwar ein für allemal und für alle, die glauben. Auf diesem Hintergrund ist unser christlicher Erlösungsglaube zu verstehen. Der Himmel, als ein versöhntes Leben bei Gott und mit Gott, steht den Glaubenden aufgrund des Heilswerkes Jesu Christi offen. Dies gibt uns schon hier auf Erden, wo wir keine bleibende Stätte haben, Sicherheit und Geborgenheit. "Wer ist... gegen uns? ... Wer kann die Erwählten Gottes anklagen? ... Wer kann sie verurteilen? ... Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?" Der Apostel beantwortet diese Fragen mit dem lapidaren Bekenntnis: "Christus Jesus, der gestorben ist und auferweckt wurde, sitzt zur Rechten Gottes. Er tritt für uns ein ". Es ist schon eigenartig, daß wir Christen, wenn wir über unseren Glauben nachdenken, in der Regel an die Sittlichkeit denken, die das Evangelium von uns einfordert, was uns verständlicherweise erschrecken macht, weil wir dieser Forderung kaum nachkommen, ja, gar nicht nachkommen können. Wieder ist es die paulinische Sicht des Evangeliums, die uns von solchen Schrecken befreit. Denn der Apostel bekennt im selben Brief, daß in seinem Alltagsleben die Sündhaftigkeit immer wieder durchbricht. "Das Wollen des Guten ist bei mir vorhanden, aber ich vennag es nicht zu vollbringen ... Wenn ich aber das tue, was ich nicht will", so fährt er fort, "dann bin nicht mehr ich es, der so handelt, sondern die in mir wohnende Sünde". Dies entbindet zwar ihn und auch uns nicht von der Sittlichkeit im Sinne der Nachfolge Christi, aber es entlastet uns angesichts des vielfachen Versagens und es unterstreicht die Bedeutung des Glaubens als Vertrauen auf die durch Christi Heilstod bewirkte Erlösung, welche alle Schuld von uns nimmt. Der Apostel Paulus steht mit dieser seiner Sicht von der Bedeutung des Glaubens an Christi Heilswerk unter den neutestamentlichen Schriftstellern nicht allein. Der Verfasser unseres Johannesevangeliums steht ihm da keineswegs nach. Denn mit der 'reichen Frucht des sterbenden Weizenkornes' ist ebenfalls nichts anderes als Christi Erlösungswerk gemeint. Und die den Tod überbrückende Glaubensgewißheit sowie die Hoffnung auf ein ewiges Leben kommt auch bei ihm unmißverständlich zur Sprache: "Jeder, der an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tag ", so lautete der Ruf vor dem Evangelium. Die Kirche hat schon immer in ihrem sakramentalen Leben an diesem zentralen Aspekt der neutestamentlichen Verkündigung festgehalten. Sie bringt zwar in den Wortgottesdiensten der eucharistischen Feiern im Laufe eines Kirchenjahres das Evangelium auch in seiner ganzen Breite zur Sprache, aber von dessen Mitte, der Versöhnung durch Christi Heilswerk, kündet sie im Kanon jeder hl. Messe. Nicht wir, sondern "er mache uns zu einer Gabe, die dir wohlgefällt, damit wir das verheißene Erbe erlangen ", heißt es da vielsagend. Was immer die Kirche betet und singt, zielt letzten Endes auf dieses uns von Christus erwirkte Heil am Ende, das kein Ende mehr kennt, und von dem der gleiche Apostel Paulus sagt: "Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, was Gott denen bereitet, die ihn lieben“. Lassen Sie mich noch einen neutestamentlichen Gedanken wenigstens kurz streifen, der dem vom Verstorbenen so hochverehrten Augustinus wichtig war – er diene als Überleitung zu Persönlichem. Neben dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe rangiert nach dem Neuen Testament die Demut als unerläßliche Tugend. "Was hast du, was nicht empfangen wäre? Wenn du es aber empfangen hast, warum rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?" Als der hl. Augustinus sein sprachlich wie inhaltlich gelungenstes Buch schrieb, gab er diesem den Titel Confessiones. Mit Bekenntnissen ist dieser Titel nur zum Teil treffend übersetzt. Denn das den Confessiones zugrundeliegende Zeitwort confiteri bedeutet nicht nur bekennen, sondern auch anerkennen, feierlich verkünden, rühmen und preisen. Der Mensch ist mit all seinen Anlagen ein Teil der Schöpfung, und für ihn ist Gottes Sohn Mensch geworden, um ihn, den verlorenen Sohn, heimzuführen. Das verkündet, rühmt und preist Augustin im Blick auf sein Leben in seinen Confessiones. Gleiches wollen wir im Blick auf Reinhold Vöth tun. Denn wir, denen er wie unterschiedlich auch immer nahestand, sind hier zusammengekommen, um seiner zu gedenken. Dies tun wir durch die Feier der Eucharistie, durch Danksagung, was das griechische Wort Eucharistie bedeutet. Wir rühmen und preisen dabei zugleich seinen Schöpfer und Erlöser, der ihn ebenfalls mit außergewöhnlich reichen Gaben ausstattete. Ich möchte meinen. Freund, der mir sehr viel bedeutete und dessen plötzliches Hinweggenommenwerden mich wie uns alle fassungslos machte, nicht kanonisieren, nicht heilig sprechen. Aber ich denke, daß er, der nach seiner Pensionierung als Präsident des Bayerischen Roten Kreuzes nochmals die Bürde eines Amtes auf sich nahm, das sozusagen von seiner Bestimmung her auf die Nächstenliebe und auf das Erbarmen mit den in Not geratenen Menschen ausgerichtet ist, nunmehr, bei seiner Begegnung mit dem verherrlichten Christus, jenes Wort hören durfte, das da im Evangelium steht: "Kommt, ... und nehmt das Reich in Besitz ... Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, fremd und obdachlos, nackt und krank und im Gefängnis ... Denn was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan". Es ist hier nicht der Ort, um seine Verdienste nochmals aufzuzählen. Auf Eines will ich doch noch hinweisesen: auf sein reiches Gemüt. Bei aller Schärfe des Intellektes und der Zielstrebigkeit seines Wollens, die ihm zu eigen waren, strahlte er Wärme und Herzlichkeit aus. Seine Erfolge in der Politik, in den zahlreichen Ämtern, die er bekleidete, bei den Gruppen, mit denen er zu tun hatte, dürften auf seine Art und Weise zurückzuführen sein, mit der er seinen Mitmenschen begegnete. Wer an den Trauerfeierlichkeiten in München anwesend sein konnte, dem wird aufgefallen sein, mit welch innerer Anteilnahme die Mitglieder des Chores und des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks das Deutsche Requiem von Brahms wiedergaben. Sie schienen auf diese Weise ihrem ehemaligen Intendanten ihren Dank abzustatten für seine großartige Menschlichkeit, seine beeindruckende 'humanitas'. Uns werden seine ermunternde Heiterkeit und sein ansteckender Frohsinn bei gemeinsamen Feiern, seine vielfach beanspruchten und so gut wie nie verweigerten Hilfen in Rat und Tat fehlen. Dies erfüllt uns mit Trauer und mit Schmerz. Es tröstet uns aber, ihn, den Gott am Ostersonntag zu sich rief, in lebendigem Glauben dort zu wissen, wohin auch wir am Ende unserer ruhelosen Pilgerschaft kommen möchten. Dies sollte uns jetzt schon mit verhaltener Freude erfüllen. Der predigende Augustinus konfrontierte seine Zuhörer mit Fragen wie: Warum freuen wir uns so wenig auf den Himmel? Warum reden wir so wenig von unserer guten Zukunft? Dabei prägte er den Satz: "Wer sich nicht auf den Himmel freut, ist kein Christ". So laßt uns in diesem Sinne Christen sein und uns auf ein Wiedersehen mit Reinhold Vöth und mit all unseren Lieben freuen. Amen. .
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