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Dieser Artikel wird im 3. Band, Doppelfaszikel 7/8 des Augustinus-Lexikons publiziert werden.

Luxuria

I. Die Bedeutung von l. im lateinischen Sprachgebrauch – II. Der Gebrauch von l. bei A. – 1. Traditionell-heidnische Bedeutungen von l. – 2. L. in theologischen Aussagen

I. Die Bedeutung von l. im lateinischen Sprachgebrauch. – L. [1] als ‹Überschreitung üblicher Begrenzungen› erscheint bei Pflanzen als üppiges Wachstum, bei Tieren als Mutwille, bei Menschen als unreguläres und ausschweifendes Verhalten, Schwelgerei und Verschwendung. Den positiven Gegensatz zu l. bilden ‹temperantia›, ‹continentia› (→Abstinentia-continentia) oder ‹castitas›. In der römischen Geschichtsschreibung, besonders bei Sallust, bilden l. und ‹auaritia› wohl einen Gegensatz, steigern sich aber gegenseitig als Übel. Sie erwachsen aus ‹ambitio› gepaart mit ‹superbia› (Catil. 11.12,2) und schaden dem römischen Staat. Daneben ist in philosophischen Texten die Unangemessenheit der l. angesichts der Würde der Menschen im Blickfeld: Es ist so schändlich, in l. zu zerfließen (‹diffluere›), wie es ehrenhaft ist, bescheiden, enthaltsam und nüchtern zu leben (Cic. off. 1,106) [2].

Anmerkungen. – [1] Seltener ‹luxuries›, ‹luxuriare/-i› und ‹luxuriosus›; sprachgeschichtlich sind diese Wörter zu ‹luxus› (= ‹Ausrenkung›, ‹Außer-Rand-und-Band-Geraten›) zu stellen; cf. WALDE-HOFMANN s.v. ‹luxus, -us›. – [2] Zum Wortfeld von l. cf. PLEPELITS und die Artikel von ZÄCH. Zur Bedeutung von l. bei Griechen und Römern cf. besonders CORBIER. Zum rhetorischen Topos der l.-Kritik cf. LAWLESS, Honores.

II. Der Gebrauch von l. bei A. – 1. Traditionell-heidnische Bedeutungen von l. – Die ursprüngliche Bedeutung von l. [3] ist bei A. noch gegenwärtig; oft verbindet oder beschreibt er l. mit Wörtern, die eine ‹(zer)fließende Auflösung einer festen Begrenzung› bedeuten [4]. Gegensatz zu l. ist entsprechend das Maß-Halten, die Mäßigung (‹temperantia›: en. Ps. 88,1,6). Der Tradition entsprechend, kritisiert A. mit l. die maßlose Hingabe an Speisen, Wein und sexuelle Lust [5], durch die große Erbschaften vergeudet werden (ord. 2,14; s. Morin 11,4). Ein gerechter Vater geht gegen die Laster seines verschwenderischen Sohnes (‹luxuriosus›) vor (en. Ps. 34,2,13); ‹luxuriosi› sind für A. ganz traditionell nichtsnutzige Menschen (‹nequam homines›: doctr. chr. 3,18). Ausdruck von l. können nach A. aber auch überflüssige Bildungsgehalte (‹instituta luxuriosa›: ib. 2,38.40.58), Musik (en. Ps. 41,9) – sie kann die Christen bei Märtyrerfesten stören (ib. 69,2) – und die Feier des jüdischen Sabbats sein [6]. Häufig verwendet A. das Gegensatzpaar l.- →‹auaritia› [7] und sieht in ihm mit →Sallustius (cf. besonders Catil. 11sq.) die Ursache für den Sittenverfall Roms [8]. Neben Rom [9] waren laut A. ebenfalls Griechenland (ciu. 1,30sq.) und Asien (ib. 3,21; 9,4) von l. korrumpiert.

Anmerkungen. – [3] Gemäß CAG 2 sind bei A. Formen von l. 225mal belegt, von ‹luxuriosus› 75mal. – [4] So z.B.: ‹luxuriose deformiterque uiuere› (Acad. 1,20); ‹luxuries dispergit atque diffundit› (ord. 2,14); ‹in luxuriam fluere› (ciu. 1,33; cf. ib. 21,25); ‹otium languidum et fluxum et luxuriosum› (en. Ps. 91,2); ‹in luxu diffluere› (ib. 104,34; cf. s. 351,4); «fluat et luxurietur et dissoluatur» (ib. 18,3; cf. ib. 60,3); ‹corporis luxus ... animae fluxus› (ib. 216,5). – [5] B. coniug. 9.18; cf. Cic. off. 1,128, weiter ib. 2,2. →‹Amor› bringt alle Formen von l. hervor (en. Ps. 31,2,5). – [6] Io. eu. tr. 3,19; en. Ps. 91,2; s. 9,3. – [7] Gn. litt. 9,8,13; ciu. 1,31; s. 208,2; s. Lambot 2; cf. s. Wilm. 16. – [8] Ciu. 2,6.18sq.; 5,12. Die besonders von Sallust hervorgehobene Laster-Trias l., ‹auaritia› und →‹ambitio› spricht A. ib. 1,31 sowie en. Ps. 102,17 an und fand sie schon in der römischen Rhetorik ausgebildet; cf. LAWLESS, Auaritia. Id., Honores macht plausibel, daß dieses Dreierschema (ähnlich 1 Io 2,16) den moralkritischen Aussagen A.s in conf. zugrundeliegt. In Predigten sieht A. das traditionelle Lasterpaar l.-‹auaritia› der Herrschaft des Teufels zugehören (s. 71,4; cf. ib. 86,6sq.). – [9] L. als Ursache für den Sittenverfall Roms auch bei Juvenal (6,292-300), den A. ep. 138,16 anführt.

2. L. in theologischen Aussagen. – L. ist eine auf Adam zurückgehende Sünde (ciu. 22,22; →Peccatum, →Peccatum originale), für die Buße zu leisten ist [10], will man nicht Gottes Strafe auf sich ziehen [11]. Für A. gehören die ‹luxuriosi› zu den Ungerechten, die allerdings den größten Schaden sich selbst zufügen [12]. A. bezeichnet l. auch als →‹uitium› (bapt. 4,27) und definiert sie als das Laster einer Seele, die in verkehrter Weise körperliche Lüste liebt [13] und dabei die Mäßigung außer acht läßt, kraft derer die Christen dem geistlich Schöneren und unverderblich Anziehenderen angeglichen werden (ciu. 12,8); l. ist ein Fieber der Seele, das von Gott als Arzt geheilt werden muß (s. 9,10). Der l. der Unfrommen stellt A. die echte Freude (→‹gaudium›) der Frommen gegenüber (en. Ps. 96,19). Er zitiert neutestamentliche Lasterkataloge, in denen l. vorkommt, so besonders häufig Gal 5,19-21 [14]: L. zählt darin zu den ‹Werken des Fleisches›: «Die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erlangen» (ib. 5,21; →Caro-spiritus). Kontrastfiguren zu den ‹luxuriosi›, die voller Begier in Trunkenheit schlemmen wollen, sind die Märtyrer, die sich aus Liebe zur Wahrheit sogar foltern lassen (diu. qu. 82,1; →Martyres, martyrium). Der l. der Weintrunkenen wird die →‹disciplina› der Christen gegenübergestellt [15]. L. werden von A. – begehrt man sie doch ‹nach dem Fleisch› und zur ‹Lust des Fleisches› – auch in Verbindung mit der →‹concupiscentia› gebracht [16]: Um nicht der l. zu verfallen, soll die Ehe der Zeugung von Kindern, nicht der zügellosen Leidenschaft dienen [17].

Ist l. vor Gott auch verdammenswert, so findet sie in den Augen der meisten Menschen doch Lob (ep. 153,7). So bezeichnet A. manches als l., was die Römer als legitime Prachtentfaltung positiv bewertet haben [18]; er lehnt die ‹pompae› ab, neiderweckende Machterweise wie die Veranstaltung pompöser Spiele, derweil die Armen hungern [19]. Die Amphitheater – nach römischer Tradition Zeichen der Großzügigkeit reicher Spender – sind nach A. gleichsam von der ‹L. persönlich› erbaut [20].

Anmerkungen. – [10] A. beruft sich auf 2 Cor 12,21; cf. c. ep. Parm. 3,3.14; ep. 265,7; s. 351,12. – [11] Ib. 1,9; cf. pat. 6; en. Ps. 29,2,13; 69,4; s. 80,3; cf. auch s. Casin. 2,114,1. – [12] Mend. 38; en. Ps. 139,4; cons. eu. 1,51; s. 353,2. Der →‹superbia› und l. verfällt, wer das Nahen des Jüngsten Tages nicht ernst nimmt (ep. 199,1sq.). – [13] Auch der Mißbrauch der Früchte der Erde ist Ausdruck von l. (lib. arb. 3,39; cf. c. Sec. 22). – [14] Z.B. s. dom. m. 2,81; c. ep. Parm. 1,16; cf. auch das Zitat Col 3,5 in c. Faust. 22,92. BULTMANN 19 hat die Herkunft dieser Lasterkataloge aus der Sittenpredigt der kynisch-stoischen Popularphilosophie nachgewiesen. – [15] C. Faust. 20,21; cf. c. litt. Pet. 2,174. A. empfiehlt ein maßvolles Fasten (→Ieiunium, 3,477-480); cf. VERHEIJEN 305-314. Eine von A. besonders getadelte Form der l. ist die Schwelgerei über den Gräbern (mor. 1,75; ep. 22,6; →Festa sanctorum et martyrum, 2,1286sq.). – [16] Exp. prop. Rm. 77; en. Ps. 118,1,1; cf. uera rel. 4. Die Gleichsetzung von ‹concupiscentia› mit l. wird von A. in seiner Auseinandersetzung mit Julian (→Iulianus Aeclanensis) unter Berufung auf 1 Io 2,16 entschlossen vertreten (cf. c. Iul. 4,64; c. Iul. imp. 4,22.69.77). – [17] Doctr. chr. 3,27sq.; c. Faust. 22,35 (cf. Tb 8,9).48; b. coniug. 18; en. Ps. 146,2. – [18] En. Ps. 36,1,12; 38,2. Cf. als Hintergrund Cic. Mur. 76: Das römische Volk haßt die private l., liebt aber die öffentlich wirkende ‹magnificentia› (Großzügigkeit). – [19] S. 21,10; ep. Io. tr. 10,6; cf. en. Ps. 37,24; →Circus. – [20] S. Denis 24,13: Hier stellt A. die personifizierte l. der ebenfalls personifizierten →‹pietas› gegenüber; →Amphitheatrum.

Bibliographie. – R. BULTMANN, Der Stil der Paulinischen Predigt und die kynisch-stoische Diatribe, Göttingen 1910. – M. CORBIER, Luxus: DNP 7 (1999) 534-536. – G. LAWLESS, Auaritia, luxuria, ambitio, Lib. arb. 1,11,22: A Greco-Roman Literary Topos and Augustine’s Asceticism: Il monachesimo occidentale dalle origini alla Regula Magistri, Roma 1998, 317-331. – Id., Honores, coniugium, lucra (conf. 6.6.9): A Greco-Roman Rhetorical Topos and Augustine’s Asceticism: AugStud 33 (2002) 183-200. – K. PLEPELITS, luxuria: TLL 7,2 (1956-1979) 1919-1925. – E. RIVERA DE VENTOSA, El factor ético en la visión agustiniana de la Historia de Roma: CDios 186 (1973) 333-354. – L. VERHEIJEN, Nouvelle approche de la règle de Saint Augustin, Bégrolles en Mauges 1980. – C. ZÄCH, luxurio/r, luxuriosus: TLL 7,2 (1956-1979) 1926-1934. – Ead., luxus: ib. 1934-1938.

HANS ARMIN GÄRTNER

© Verlag Schwabe AG, Basel

Wir danken Autor und Verlag für die freundliche Genehmigung zur Vorabveröffentlichung in unserem Webportal.