Professor Dr. Cornelius Mayer zum 80. GeburtstagGrußwort von Professor Dr. Wolfgang Hübner, Herausgebergremium Augustinus-LexikonLieber Cornelius, hochverehrte Festversammlung, Ich bin dankbar, dem Herausgebergremium des Augustinus-Lexikons angehören zu dürfen, und möchte nur ganz kurz drei persönliche Punkte hervorheben. 1. Die Spannung zwischen Ost und WestAls ich als junger Student auf einer Radfahrt von Tübingen aus über Wien, und das Donauknie bei Visegrad und Estergom bei regnerischem Wetter nach Süden Richtung Budapest und dann weiter bis nach Debrecen fuhr, bin ich in der Nähe von Szekesvehervar (Stuhlweißenburg) auch an Deiner Heimat vorbeigekommen. Du mußtest 1946 Deine Heimat verlassen und kamst nach Unterfranken. Danach zog es Dich noch weiter nach Westen, zweimal zum Studium nach Paris bei Henri Irénée Marrou und dem Bruder Melchior Verheijen. In Paris war auch ich schon 1960/61 zum Studium gewesen, übrigens, ohne es damals schon zu wissen, gleichzeitig mit meinem Vorgänger im Gremium, Reinhart Herzog, bevor ich dann weiter südlich als Lektor nach Toulouse ging.
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| © Karl-Franz Hoffmann |
| Das Lexikonprojekt bildete die Initialzündung für die internationalen Forschungsvorhaben von Cornelius Mayer. Für das Herausgebergremium des «Augustinus-Lexikons» spricht Professor Dr. Wolfgang Hübner. |
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Mit Augustin hatte ich damals allerdings noch nicht viel im Sinn. Ich studierte vielmehr die französische Literatur, Proust und vor allem Michel Butor, dessen Vorfahren mütterlicherseits aus Ungarn stammen. (Daß sein Name im Ungarischen «Möbel» bedeutet soll, ist dagegen nur ein Zufall.) Michel Butor hat Augustin gut gekannt. Als unruhig wandernder Sprachenlehrer, besonders in Ländern des Mittelmeerraumes, hat er im oberägyptischen Minje in einer Jesuitenbibliothek die Confessiones gelesen, und zwar besonders das zehnte Buch. Geht es doch darin überhaupt um die Bedingungen der Möglichkeit, zu erzählen. Butor zitiert daraus mehrfach in seinen Werken.[1] Damals ging es ja in der Literatur wie in der Literaturwissenschaft besonders um die Funktion des Autors in seinem Werk.2. Martin Walser «Das Einhorn»Und das leitet nun zu meinem zweiten Punkt über. Michel Butor wurde im September 1926 geboren. Ein halbes Jahr später, im Marz 1927 wurde Martin Walser geboren, der in seinem Roman «Das Einhorn» ebenfalls reichlich aus Augustin zitiert. Dieser Roman bildet gleichsam die ontologische Mitte der sogenannten «Anselm Kristlein-Trilogie», und auch dort geht es um die Bedingungen der Möglichkeit des Erzählens. Als ich seinerzeit ein Augustin-Zitat nicht verifizieren konnte - ich war damals noch nicht sehr bewandert im Umgang mit dem CAG -, fragte ich bei der Redaktion in Würzburg an, und von dort kam nicht nur prompt die Antwort, sondern Christof Müller verriet mir, daß Du einen Aufsatz über Augustin in Martin Walsers Roman «Das Einhorn» geschrieben hast. Den habe ich mit großem Gewinn gelesen, und so konnte ich vieles bei meinen Studien abkürzen, was ich sonst erst mühsam hätte erarbeiten müssen.[2] 3. MusicaDer letzte Punkt betrifft die Musik, die wir beide lieben, wie auch diese Feier beweist. Den AL-Artikel Musica hattest Du eigentlich selbst schreiben wollen, hast ihn dann aber doch in jüngere Hände gelegt, und so ist er denn auf einem Umweg an mich gekommen. Du hast mir aber eine Steilvorlage gegeben: Ich solle mich doch um den imponierenden Schluß der Enarrationes in Psalmos kümmern, wo alle Intrumente des Alten Testaments, alle Instrumente des Psalters zusammenklingen, verbunden mit der Augustin wohlvertrauten varronischen Dreiteilung der Instrumente,[3] mit den platonischen Seelenteilung mit dem νοῦϛ an der Spitze und schließlich sogar mit der Trinität. So sind denn auch hier alle drei Gruppen der varronischen Dreiteilung vertreten: Die Flöte gehört zu den «halb tönenden Instrumenten» (ἡμίφωναh), den Blasinstrumenten, die Harfe zu den «stimmlosen» (ἄφωνα), den Zupf- und Schlaginstrumenten - die nach Varro höchste Gruppe der «stimmhaften» Instrumente (φωνηέντα), die menschliche Stimme, wird hier durch den Chor der vielen Festredner vertreten. Eine List des Alphabets hat es gewollt, daß die Lemmata Lingua und Musica kurz aufeinanderfolgen, und bei Bearbeitung habe ich gemerkt, wie sehr beides miteinander zusammenhängt. Wenn Ludwig Wittgenstein am Ende seines Tracatatus logico-philosophicus sagt: «Worüber man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen», hätte dem Augustin lebhaft widersprochen. Hat er doch immer wieder versucht, das ineffabile mit Worten zu umkreisen, auch über die Grenzen der Sprache und der Rationalität hinaus. Die höchste Form des Gotteslobs, die die Worte übersteigt, ist eben die Musik, wie sie hier so schön dargeboten wird. Und so wünsche ich Dir im doppelten Sinn des Wortes felix, das ja - verwandt mit femina oder griechisch θῆλυϛ - nicht nur «glücklich», sondern auch «fruchtbar» bedeutet, noch viele glückliche, fruchtbare: eben erfüllte Jahre: ad multos annos - si deus voluerit.
[1] Vgl. W. Hübner, Das zehnte Buch der Confessiones zwischen Vergangenheit und Zukunft. Vergileinfluß und Wirkungsgeschichte nach dem zweiten Weltkrieg, in: Selbsterkenntnis und Gottsuche. Augustinus: Confessiones 10, hrsg. Norbert Fischer und Dieter Hattrup, Paderborn et al. 2007, 137-162, hier: 152-155. [2] Ibid. 155-159. [3] Vgl. W. Hübner, Varros instrumentum vocale im Kontext der antiken Fachwissenschaften, Wiesbaden 1984 (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, geistes- und sozialwissenschaftliche Klasse 1984, Nr. 8), 8-14.
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