EINFÜHRUNG IN DAS LEKTÜRE- UND DISKUSSIONSSEMINARABKEHR – EINKEHR – AUFSTIEG AUGUSTINS WEG ZU GOTT (Confessiones 10,1-38)Universität Würzburg, Samstag, 15.01.2011Von Professor Dr. Dr. h.c. Cornelius Mayer
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| Der Professor Augustinus liest Rhetorik (B. Gozzoli, 1465). Titelbild des «Augustinus-Zitatenschatzes». |
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Im Augustinus-Lexikon vertritt der Verfasser des Artikels über die Confessiones die These, dieses Weltliteratur gewordene Werk des Kirchenvaters sei keine Autobiographie im strikten Sinn, sondern ein sogenannter Protreptikos, eine an die Intellektuellen seiner Zeit gerichtete, autobiographische Stoffe gezielt einsetzende Werbeschrift für das Christentum, das den Anspruch erhebt, die wahre Religion zu sein. Noch vor der Übernahme eines kirchlichen Amtes, also noch als Laie, verfasste Augustinus um das Jahr 390 eine Schrift, der er den programmatischen Titel gab: De vera religione – Die wahre Religion. Bereits darin unternahm er den Versuch, die absolute Überlegenheit des Christentums über alle religiösen wie philosophischen Weltanschauungen argumentativ zu begründen.Der Begriff ‹argumentativ› bedarf einer Erläuterung. Während der Neubekehrte in seinen Frühschriften das Suchen und Finden der Wahrheit vorzüglich dem Intellekt zutraute, vertrat er in De vera religione die Auffassung, die Wahrheit eröffne sich dem Menschen, und zwar auch dem philosophisch nicht gebildeten, ebenso, wenn nicht gar zuverlässiger über den Glauben. Begründet wird diese Doppelgleisigkeit mit der kirchlichen Lehre von der Inkarnation des Logos nach dem Johannesevangelium sowie mit der Ontologie der Neuplatoniker, die Augustin, wie im 7. Buch der Confessiones berichtet, noch vor seiner Bekehrung in Mailand kennen gelernt hatte. Dieser Ontologie zufolge bietet sich Seiendes entweder als Unveränderliches oder als Veränderliches dar, wobei das Unveränderliche dem Veränderlichen einen gestuften Anteil am Sein gewährt. Seiend im Vollsinn des Wortes ist allein das mit Ewigkeit, Einheit, Wahrheit und Schönheit identische unveränderliche Prinzip des Seins. Als solches ist es Quelle alles veränderlich Seienden. Im christlichen Weltbild Augustins ist dies der dreieinige Gott, in dem alles Erschaffene nach einem ihm zugeteilten Maß an Sein gründet. Augustin spricht im Kontext seiner modifizierten neuplatonischen Ontologie gerne vom ‹ordo rerum›. Dieser ist dreigestuft, nämlich in den raumzeitlichen Bereich der Körper, in den zeitlichen Bereich der Geistseele und in den Raum und Zeit transzendierenden Bereich Gottes. Ebenfalls von den Neuplatonikern übernahm er die Unterscheidung und Scheidung zwischen dem Bereich des ‹foris›, des Draußen, für die Körper und dem Bereich des ‹intus›, des Drinnen, für die Geistseele, sowie auch die Lehre vom Aufstieg zu der Raum und Zeit übersteigenden Quelle des Seins, zu Gott. Der zweifelsohne meist zitierte Text aus De vera religione bezieht sich auf diesen Aufstieg. Er lautet: «Noli foras ire, in te ipsum redi. In interiore homine habitat veritas. Et si tuam naturam mutabilem inveneris, transcende et te ipsum. Sed memento, cum te transcendis, ratiocinantem animam te transcendere. Illuc ergo tende, unde ipsum lumen rationis accenditur. Quo enim pervenit omnis bonus ratiocinator nisi ad veritatem? – Gehe nicht nach außen, zu dir selbst kehre zurück, denn im inneren Menschen wohnt die Wahrheit. Und findest du deine Natur als wandelbar, so schreite über dich hinaus. Sei aber dessen eingedenk, dass du, wenn du über dich hinausschreitest, die vernünftige Seele dies ist, die über dich hinausschreitet. Dorthin also trachte, von wo die Vernunft ihr Licht empfängt. Wohin sonst denn gelangt, wer seine Vernunft recht gebraucht, wenn nicht zur Wahrheit?» (72). Die Abkehr von außen und die Wendung nach innen empfiehlt Plotin mit ähnlichen Worten in seiner Enneade Περὶ τοῦ καλοῦ (1,6,8,3-5 und 1,6,9,7; siehe den Artikel Foris-intus von N. Fischer im AL 3,37-45,38f.). Dem 10. Buch der Confessiones, dem der Text unseres Blockseminars entnommen ist, kommt insofern eine zentrale Bedeutung innerhalb dieses Werkes zu, als Augustinus darin seinen gegenwärtigen Stand als Christ, seine Kreatürlichkeit und die damit gesetzten Bedingungen seiner Existenz vor seinen Zeitgenossen, seinen ‹Mitbürgern und Weggefährten in der Fremde› (10,6) mustergültig zur Sprache bringt. Das Buch besteht aus zwei Blöcken. Im ersten, den §§ 8-38, stellt er sich die Frage, was er denn liebe, wenn er, wie er bekennt, Gott liebe. Im zweiten, den §§ 39-64, bekennt er, in welchem Maße er immer noch Versuchungen ausgeliefert sei. Wir beschränken uns mit unserer Lektüre im Hinblick auf den im kommenden SS geplanten Studientag über die Bedeutung der Ästhetik im Denken Augustins auf den ersten Block. Dieser mündet nämlich in den Lobpreis des methodisch von außen nach innen und von innen nach oben gesuchten und gefundenen Gottes als Inbegriff sowohl der Wahrheit wie auch der Schönheit, der «pulchritudo tam antiqua et tam nova». Ein ganzes Arsenal ästhetischer Begriffe wie ‹species›, ‹decus›, ‹imago›,‹color›, ‹odor›, ‹olfactum›, ‹sapor›, ‹admiratio›, ‹sonus›, ‹voluptas›, bestimmen den Duktus des Textes dieses Blocks gleich zum Beginn. Denn der sich zunächst nach außen Wendende und die Geschöpfe ob ihres Schönseins nach Gott Fragende erhält von diesen die Antwort: «Suche über uns» (10,9). Die Kürze des Verweilens bei den Dingen ‹draußen› in einem einzigen Paragraphen ist für den Neuplatoniker Augustin charakteristisch. Bei aller – auch sprachlicher – Faszination über das Schönsein dieser Dinge, lautet doch die Devise: «Sed melius quod interius». Daraufhin wendet er sich zu sich selbst mit der erneuten Frage, was er denn liebe, wenn er seinen Gott liebe. «Quis est ille super caput animae meae? Per ipsam animam meam ascendam ad illum» (10,11). Und es folgt die Psychologen heute noch ins Staunen versetzende Analyse dessen, was den ‹homo interior› aus- und kennzeichnet: die Macht des Gedächtnisses, dessen intellektuelle Leistungen, die Erinnerung auch an Affekte, selbst an Vergessenes. Die Analyse des Glücksverlangens führt schließlich den Aufsteigenden zu Gott, denn was anderes ist das glückselige Leben als Freude an gesicherter, mit Gott identischer Wahrheit. «Denn wo ich Wahrheit fand, da habe ich meinen Gott, die Wahrheit selbst, gefunden, und ich habe sie nicht vergessen, seitdem ich sie gefunden habe» (10,35). Diese Wahrheit, so das Resümee, ‹throne überall, sie berate alle, wenngleich diese ‹alle› verschiedenes fragten› (10,37). Und dann der hymnische Abschluss: «Sero te amavi, pulchritudo tam antiqua et tam nova, sero te amavi». Sapienti sat! Wenden wir uns nunmehr den inhaltlich wie sprachlich glanzvollen Texten zu.
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