Pfarrkirche Sankt Laurentius in Retzbach
In der Historie der Neumannschen Kirchenbauten bedeutet die Pfarrkirche von Retzbach ein Innehalten vor den Experimenten der frühen vierziger Jahre, wie etwa in Gaibach und Etwashausen. Zugleich zeigt sie einen Rückblick auf das bisherige Schaffen. Bei der Bauausführung gingen einige Feinheiten verloren: Neumanns Entwürfe wurden eigenmächtig von dem ausführenden Maurermeister Mathes Kolb vereinfacht.
Die ältere Pfarrkirche in Retzbach entstand vor 1323 und wurde 1515 umgebaut. Bereits im 17. Jahrhundert galt sie als so klein und unbequem, dass der Pfarrgottesdienst oft in der Wallfahrtskirche abgehalten werden musste. 1736 beschied Fürstbischof Friedrich Carl von Schönborn daher den Abbruch der Kirche. Mit dem Neubau beauftragte er Balthasar Neumann, der bereits zwei Monate später die Baupläne vorlegte. Am 25. November 1736 wurde der Grundstein gelegt, 1738 war das Langhaus fertiggestellt, ein Jahr später der Bau vollendet. 1740 wurde Sankt Laurentius vom Würzburger Weihbischof Johann Bernhard Mayer geweiht.
Neumanns Grundrissschema folgt Joseph Greising Kirchenbauten der 1720er Jahre: Ein rechteckiges, dreijochiges Langhaus mit eingezogenem, polygonalem (vieleckigen), einjochigem Chor. Halb vor die Fassade gestellt ist der Turm. Die Wölbung in schlichtem Kreuzgratgewölbe auf toskanischen Pilastern zwischen Gurtbögen geht möglicherweise auf die Petrinizeit zurück. Neumann hat sie jedoch um flache Wandnischen und damit um die Andeutung der von ihm in Innenräumen stets angewandten Zweischaligkeit bereichert. Die Westfassade ist ganz zweischalig aufgebaut. Die Emporentreppe als eigenständiges Kunstwerk zeigt einerseits das Aufsteigen zwischen versetzten Wänden und bildet andererseits eine Überleitung zwischen Turmhalle und Empore.
Der Außenbau in gelbgefasstem Putz ist nur von Pilastern - flachen Säulen, in rotem Sandstein gegliedert. Am halb eingezogenen Turm der Westfassade begegnet ein Neumannsches Leitmotiv, die kurvige Fensterbedachung. Für Neumann typisch ist auch der Volutengiebel, ein spiralförmig eingerollter Giebel, als Überleitung zum Turm. Dessen Zwiebelhelm ist noch der älteren Neumannschen Vorstellungswelt verpflichtet.
(Nach Jürgen Julier und Dumont-Neumannband)
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