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Offenes Ohr für die Nöte der Menschen

Blick in das Kapuzinerkloster in Aschaffenburg

 

Der herrliche Klostergarten ist umgeben von einer Mauer, der auch Teile der alten Stadtmauer angehören. Nach Süden hin grenzt sie das Areal der Kapuziner vom südländisch anmutenden Schlosspark mit seinen romantischen Laubengängen ab.
Den Kapuzinern hat Aschaffenburg es zu verdanken, dass die Stadt im Dreißigjährigen Krieg von den Schweden verschont wurde. Seitdem ist das bayerische Nizza „seinen Mönchen“ eng verbunden.

1620 rief der Mainzer Kurfürst Johannes Schweikard die Kapuziner nach Aschaffenburg. Zunächst lebten sie bei der St.-Michaels-Kapelle in der Altstadt. Doch schon 1622 verlieh der gläubige Kurfürst dem Kloster das Grundstück „Auf dem Schutz“, das auf einem Felsvorsprung direkt neben dem Schloss liegt. 1627 wurden Kirche und Kloster geweiht, doch schon 1631 war der Schreckensruf des 30-jährigen Kriegs zu hören: „Die Schweden kommen!“ Die Aschaffenburger baten Guardian Pater Bernhard von Trier um Hilfe, und so gingen die Ordensmänner den feindlichen Truppen entgegen. An der heutigen Willigisbrücke begegneten sie dem Schwedenkönig Gustav Adolf und überreichten ihm die Stadtschlüssel – eine mutige Geste, die die Stadt vor Plünderung und Brandschatzung bewahrte. Ein trauriges Kapitel brachte 1813 der Rückzug Napoleons mit sich: Das Kapuzinerkloster wurde zu einem Lazarett für 300 Schwerverletzte und brannte kurz darauf vollständig nieder. Erst 1847 konnten es die Mönche wieder aufbauen. Schließlich wurde durch das Anwachsen der Städte bald eine größere Kirche nötig, die man 1908 an die Langseite der Vorgängerkirche anbaute.

Heute liegt das Kloster im Zentrum Aschaffenburgs und im Herzen des weitläufigen Schlossgartens mit seinem südländischen Flair und dem bezaubernden Blick auf den Main. Zwar mussten die Kapuziner im 18. Jahrhundert die zum Main führenden Hänge wieder abgeben, doch befindet man sich noch immer in bevorzugter Lage. Bis in die Sechziger bauten die Mönche in ihrem oasischen Klostergarten sogar noch Wein an. Acht Mitbrüder – sechs Patres und zwei Brüder – zwischen 40 und 86 Jahren leben derzeit im Konvent St. Elisabeth.

Bei den Menschen sein

Trotz der paradiesisch anmutenden Lage leben sie aber alles andere als auf einer Insel der Seligen. Als „Orden vom Volk und mit dem Volk“ liegt die Hauptaufgabe der Kapuziner in der intensiven Seelsorgsarbeit. „Wir wollen bei den Menschen sein und ihnen aus religiösem Leben und Gebet heraus helfen, dass sie Gott nicht aus dem Auge verlieren. Wir wollen ihnen in ganz konkreten Nöten beistehen, sie trösten, Kranke und Gefangene besuchen und unser Haus offen und gastfreundlich halten“, umschreibt es Guardian Felix Kraus.

Schon der Frühgottesdienst um 6.30 Uhr ist für heutige Begriffe sehr gut besucht. 20 bis 30 Menschen finden allmorgendlich hierher, um 8 Uhr sind es nochmals zwischen 30 und 80. Am Sonntag ist die Nachfrage so groß, dass die Kapuziner sogar drei Gottesdienste anbieten.

Vor allem aber hat sich die Kirche zu der Beichtkirche für Stadt und Untermain schlechthin entwickelt. Entsprechend viel Beichtgelegenheit bieten die Mönche mit täglich fünf Stunden denn auch an – sei es in „klassischer“ Form im Beichtstuhl oder einem persönlichen Gespräch in den Beichtsprechzimmern. Nachfrage gibt es eigentlich immer, wobei der Beichtstuhl nach den Erfahrungen der Patres rund um Ostern am meisten aufgesucht wird.

Begegnung und Gespräch

„Im Vergleich zu früher beichten die Menschen heute intensiver, suchen Begegnung und Gespräch“, berichtet Pater Felix. So kommen nicht nur die Alten, sondern auch Menschen im besten Alter, viele Männer und Jüngere. Erstaunt ist der Guardian oft, welche Wege viele auf sich nehmen, kommen doch die Hilfesuchenden aus dem ganzen Spessart bis in die hessische Rhön oder von Miltenberg. Daneben versteht sich das Kapuzinerkloster auch als Anlaufstelle für Hilfesuchende in ganz konkreten Nöten. So geben die Patres Obdachlosen im Notfall eine Schlafstatt, Essensgutscheine für das „Café Grenzenlos“ oder auch mal kleine Geldbeträge.

Die Jugend klopft ans Tor

Vor allem Jugendliche klopfen immer häufiger an die Klosterpforte. „Erst neulich war ein junges Mädchen hier, das von zu Hause abgehauen war und nicht wusste wohin.“ Lange hat der Pater mit ihr gesprochen, bis er dann mit ihr zum Bahnhof gegangen ist und ihr eine Rückfahrkarte gekauft hat. „Oft muss man jungen Menschen mit Liebenswürdigkeit, Bestimmtheit und fachlichem Wissen sagen, wo’s langgeht.“

Ganz bewusst gehen die Patres aber auch hinaus in die Welt, um geistige und leibliche Werke der Barmherzigkeit zu verrichten. So ist Pater Franz Sigmund hauptamtlicher Seelsorger am Klinikum Aschaffenburg. Pater Eduard Stuchlik leitet die Pfarrei Unsere Liebe Frau. Pater Felix schließlich ist seit anderthalb Jahren nebenamtlicher Gefängnisseelsorger. Schon in den 60er Jahren von den Jesuiten übernommen, hält er Gottesdienste in der JVA, besucht ein bis zwei Mal wöchentlich Gefangene und hält die Augen offen. Mittlerweile kommen sogar Andersgläubige und Atheisten zu ihm, „weil ich pünktlich und beständig komme“. Vor allem aber will der ruhig und bedacht wirkende Pater nicht als „Missionar“ unterwegs sein, sondern „den Menschen durch Verständnis, Rat und menschliche Hilfe wieder ein Fenster zu Gott aufstoßen, das oft völlig verschlossen ist“. Manche, denen der Kapuziner in der JVA begegnet ist, bauen auch später noch auf seine Hilfe. Und zuweilen entstehen sogar persönliche Kontakte zu Gefangenen und Beamten, die auch außerhalb der JVA fortbestehen.

Tipps und Fakten

Gottesdienste: Werktags um 6.30 und 8 Uhr. Sonntags zusätzlich um 10.30 Uhr. Dienstags um 8 Uhr Antoniusamt.

Beichtgelegenheit: Täglich außer montags vor den Werktagsmessen sowie von 9.30 bis 11.30 Uhr und 14.30 bis 17 Uhr in den Beichtsprechzimmern.

Besuche des Klosters sind möglich, wobei die Patres großen Wert auf ein Ins-Gespräch-Kommen legen.

Außerdem sehenswert: Natürlich ist das in direkter Nachbarschaft liegende imposante Renaissanceschloss Johannisburg mit seinem weitläufigen Schlosspark, Pompejanum und Frühstückspavillon von kulturhistorrischem Interesse. Im Stadtzentrum sollte man keinesfalls die Stiftskirche Sankt Peter und Alexander mit ihren kostbaren Kunstwerken auslassen.

Adresse: Kapuzinerkonvent St. Elisabeth, Kapuzinerplatz 8, 63739 Aschaffenburg.

Telefon 06021/456790.

 

Veröffentlicht: 18.06.2003

Anja Legge