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„Die Welt ins Kloster holen“

Die Augustiner in Münnerstadt prägten das Stadtgeschehen

Aus dem ehemaligen Kreuzgang des Augustinerklosters wurde ein gemütlicher Treffpunkt mit Springbrunnen und Grünanlagen für Senioren und Klosterbrüder.
Zur Ehre Gottes und zum nicht geringen Nutzen der Seelen wurde das Münnerstadter Augustinerkloster vor 724 Jahren gegründet. Seit dieser Zeit prägen die Augustiner die Münnerstadter Stadtgeschichte entscheidend mit.

1279 kamen die ersten „schwarzen Mönche“ in die Handelsstadt im Lauergrund und bebauten ein Areal im Nordwesten der Stadt. Nach schweren Verwüstungen im Bauernkrieg mussten die Mönche in der Reformation nach Würzburg fliehen, das Kloster stand fast 100 Jahre leer. Als Münnerstadt durch Julius Echter wieder katholisch wurde, kehrten 1652 auch die Augustiner zurück. Zur Festigung des Ordens übertrug ihnen der Würzburger Fürstbischof 1685 das 1660 gegründete Johann-Philipp-von-Schönborn-Gymnasium sowie die Pfarrei-Seelsorge. Ab 1854 unterhielten sie zudem eine Klosterschule für den geistlichen Nachwuchs, ab 1906 ein Knabeninternat.

Im Gegensatz zu vielen anderen Klöstern überstanden die Münnerstadter Augustiner die Säkularisation relativ unbeschadet; zeitweise lebten hier sogar alle deutschen Augustiner, so dass der Konvent 1895 zum Ausgangspunkt für die Neuerrichtung der deutschen Augustinerprovinz durch Pater Pius Keller wurde.

Lange Zeit umfasste das Areal der Augustiner einen großen Teil der Altstadt und bildete eine kleine Stadt für sich. Von den zahlreichen Handwerksbetrieben sind heute nur Brauerei und Schreinerei geblieben. Das alte Gymnasium wurde verstaatlicht, Klosterschule und Internat haben andere Verwendung erhalten. Zu schaffen macht den Augustinern heute aber vor allem der fehlende Nachwuchs in den eigenen Reihen. Während bis in die 70er Jahre noch über 50 Ordensmänner in Münnerstadt lebten, sind es heute noch 16, davon elf im Konvent St. Michael und fünf in St. Josef. Eine Situation, die zum Handeln aufrief.

Nachwuchsmangel bringt neue Nutzungen

Das Herzstück des Klosters wurde deshalb in den letzten Jahren einer völlig neuartigen, richtungsweisenden Nutzung zugeführt. „Ausgangspunkt unserer Überlegungen war, dass immer mehr Räume des Konvents leer standen“, erinnert sich Pater Edelbert Paul, Prior von St. Michael. Gedanken wie die Umwandlung in ein Museum oder Kaufhaus wurden rasch verworfen. „Wir waren uns einig: Dieses Haus muss für Menschen erhalten bleiben!“ Zur gleichen Zeit dachte das Münnerstadter Juliusspital laut über einen Trakt für Betreutes Wohnen nach. Dies war die Initialzündung: Provinzial Pater Eric Englert bot dem Spital an, das angrenzende Kloster gemeinsam umzubauen und in ein Haus für Betreutes Wohnen umzuwandeln. Während das Juliusspital sofort begeistert war, musste man bei den eigenen Mitbrüdern mehr Überzeugungsarbeit leisten. Doch das Provinzkapitel stimmte schließlich zu und so entstanden in nur 19 Monaten Bauzeit 29 gemütliche Wohnungen, die das Juliusspital verwaltet und mit vielfältigen Pflegedienstleistungen versieht.

Nicht mehr in Klausur

Die enorme Resonanz am Einweihungstag im April 2002 machte deutlich, dass man den richtigen Weg eingeschlagen hatte. Auch die Würzburgerin Theresia Biedermann lebt im Haus St. Michael, und fühlt sich „rundum aufgehoben“. Schon in der Planungsphase entschied sie sich für Münnerstadt. Warum? „Das Haus vermittelte Geborgenheit und eine familiäre Atmosphäre.“ Hinzu kamen für sie die kurzen Wege sowie das umfangreiche Hausangebot. Für die Augustiner brachte der Umbau eine riesige Umgewöhnung mit sich. „Wir leben nicht mehr in Klausur, sondern holen die Welt ins Kloster“, umschreibt Pater Edelbert die neue Situation. Mit dem Betreuten Wohnen habe man „eine sinnvolle Lösung für das Haus, die Augustiner und andere Menschen gefunden sowie die Versorgung der alten Mitbrüder gesichert.“ Zugleich führen die Augustiner aber auch weiter ein Leben als Ordensgemeinschaft; Pater Edelbert ist Pfarrer von Münnerstadt, Pater Ottokar Pfeuffer von Burglauer. Eng verbunden ist man auch mit dem Augustinerkonvent im 1906 entstandenen Studienseminar St. Josef. Dort leben neben Prior Manfred Jasper die Patres Rigobert Marx, Pfarrer von vier Filialgemeinden, Winfried Pfeuffer, Religionslehrer am Gymnasium und Direktor des Studienseminars, sowie die Brüder Jürgen Heß und Paulus Schäfer.

Ein Haus für die Jugend

Bei der ehemaligen Klosterschule musste man schon sehr viel früher neue Wege gehen. 1984 wurde diese in ein Jugendbeleghaus umgewandelt, in dem Gruppen aus ganz Deutschland Freizeiten verbringen und Seminare abhalten. „Unser großes Plus ist, dass hier bis zu vier Gruppen gleichzeitig völlig unabhängig voneinander wohnen können“, hebt Leiter Bruder Jürgen Heß hervor. Zudem bietet das Selbstversorgerhaus, das mit über 14000 Übernachtungen im Jahr bestens ausgelastet ist, zahllose Freizeitmöglichkeiten. Daneben engagiert sich Bruder Jürgen stark in der Jugendarbeit. Herzensanliegen ist es ihm, „Jugendlichen einen Lebens- und Entfaltungsraum zu bieten und ihnen die christliche Botschaft mitzugeben“. Dies geschieht in verschiedenen Liturgieangeboten, vor allem aber im Rahmen der Internationalen Augustinischen Kommission für Jugendpastoral, im Kreisjugendring oder in der Menschenrechtsarbeit. Alljährlicher Renner für die Münnerstadter Jugend ist die Feier der Kar- und Ostertage, die Bruder Jürgen gemeinsam mit Pater Jeremias Kiesl aus Weiden gestaltet.

„Rhön-Universität“ jetzt mit Ganztagsschule

Das ehemals fürstbischöfliche Gymnasium gibt es schließlich heute noch. Seit ihrer Gründung im Jahr 1660 ist die so genannte „Rhön-Universität“ sogar so stark gewachsen, dass 1963 ein Umzug in einen Neubau nötig wurde. Seit diesem Schuljahr bietet die Schule nun mit dem achtjährigen Ganztagsgymnasium ein richtungsweisendes Pilotprojekt an, zu dem die Augustiner von St. Josef einen nicht unbeträchtlichen Beitrag leisten. Das Studienseminar, nur einen Steinwurf vom Gymnasium entfernt, bietet dafür ideale Voraussetzungen: Hier versorgen die Brüder die Ganztagsschüler mit Mittagessen, bieten Freizeitmöglichkeiten und stellen die Räume für die Intensivierungsstunden zur Verfügung.

Tipps und Fakten

Die Klosterkirche ist ein Meisterwerk fränkischen Rokokos. Momentan wird sie völlig renoviert; ab Oktober, rechtzeitig zum 250. Geburtstag im Jahr 2004, soll sie aber wieder im alten Glanz erstrahlen. Führungen bietet das Tourismusbüro am Marktplatz an, Telefon: 09733/ 810528.

Betreutes Wohnen: Das Juliusspital bietet Führungen durch das Betreute Wohnen im Haus St. Michael an. Anmeldung und Informationen bei Karola Back, Juliusspital, Riemenschneiderstraße 15, 97702 Münnerstadt. Telefon: 09733/1717.

Im Jugendhaus stehen 108 Betten zur Verfügung. Der Preis pro Person und Nacht liegt zwischen 5,70 Euro in der Arche und 7,40 Euro im Einzelzimmer. Wer ein ganzes Wochenende plant, sollte am besten ein Jahr vorher reservieren. Kontakt: Bruder Jürgen Heß, Jugendhaus am Dicken Turm, 97702 Münnerstadt. Telefon: 09733/811020; Fax 09733/8110-30, Email: JugenADT@aol.com .

Gottesdienstzeiten: Stadtpfarrkirche: Samstag 18.30, Sonntag 8.30 und 10 Uhr. In der Klosterkirche finden wegen der Renovierungsarbeiten voraussichtlich bis Ende Oktober keine Gottesdienste statt.

Kontaktadresse: Augustinerkloster St. Michael, Klostergasse 10, 97702 Münnerstadt. Telefon: 09733/8132-0, Fax: 09733-813243, Email: Edelbert@augustiner.de .

 

Veröffentlicht: 10.06.2003

Anja Legge