Ehemalige Prämonstratenserabtei Oberzell
Das heutige Kloster der Dienerinnen der Heiligen Kindheit Jesu vom dritten Orden des heiligen Franziskus entstand 1744 bis 1760 auf dem Höhepunkt des Rokoko. Die von Balthasar Neumann konzipierte Abtei stellt ein wesentliches Denkmal des mainfränkischen Barock dar.
1742 legte Neumann die Pläne für einen rechteckigen Corpus mit zwei Binnenhöfen vor. Die weitere Ausführung des bis heute unvollendeten Baus lag nach seinem Tod 1753 nicht, wie angenommen, in den Händen seines Sohnes Franz Ignaz Michael, sondern wurde von Klosterbruder Martin übernommen. An die Ausgestaltung arbeiteten Würzburgs führende Künstler: Für den Stuck zeichnet großteils Antonio Bossi und seine Werkstatt verantwortlich, Johannes Zick malte das ehemalige Sommerrefektorium aus. Franz Erasmus Asam schuf das Deckenbild eines Erdgeschoßraums des Westflügels, Johann Thalhofer oder Anton Josef Högler jenes des Treppenhause. Als weitere Künstler wurden unter anderem Johann Wolfgang von der Auwera, Markus Gattinger und Carl Maximilian Mattern beschäftigt.
1749 war der Südflügel mit der Wohnung des Abts vollendet, 1753 der zum Main ausgerichtete Konventflügel. 1760 wird die Bautätigkeit mit der Ausstattung des Treppenhauses eingestellt. Der Nordteil des Westflügel wurde nicht mehr ausgeführt, der an die Kirche anschließende Innenhof ist daher nicht geschlossen.
Die Fassade ist, Neumann-typisch, flächig und fein gegliedert, wobei die strenge Gliederung gelockert ist. Dadurch wirkt der Bau geschmeidiger und eleganter. Mittel- und Seitenrisalite (Vorbauten) mit geschwungenen Pavillondächern gliedern die langgestreckten dreigeschossigen Flügel. Am Ost- und Südflügel sind die sie durch Haussteinverblendung hervorgehoben und werden ihrerseits durch Pilaster (flache Säulen) mit korinthisierenden Kapitellen gegliedert. Das Giebelrelief am Ostflügel zeigt die Klosterstifter betend vor der Monstranz, während die Dreiecksgiebel über den Mittelrisaliten mit plastischem Schmuck gestaltet sind. Der repräsentative Westflügel ist in warmem Sandstein ausgeführt und besitzt Pilaster mit Rocaillekapitellen. Das hohe Hauptgeschoß wurde hervorgehoben. Die Flügel zwischen Mittelbau und Eckpavillon zeigen mit Rundbogenfenstern zwischen Pilastern und niedrigem Mezzanin (Zwischengeschoß) ein französisches Motiv. Der durch vier mächtige Halbsäulen plastisch gestaltete Mittelrisalit tritt mit abgerundeten Ecken vor. Ein Dreieckgiebel mit dem dreiteiligen Wappen des Abts Oswald Loschert, der Abtei Oberzell und des Priorats Gerlachsheim schließen die Fassade nach oben ab.
Das 1760 vollendete Treppenhaus des Mittelbaus greift in kleinerem Rahmen den Typus der doppelläufigen Treppe mit Umgang auf. Zwei dreiteilige symmetrische Treppen mit Balusterbrüstungen* steigen beidseits des Portals auf, brechen sich rechtwinklig auf je zwei Wendepodesten und vereinigen sich auf einem Podest vor dem ersten Stockwerk, das sich mit drei Arkaden zum Treppenhaus öffnet. Wegen der Enge wurde eine illusionistische Erweiterung gewählt: Die beiden unteren seitlichen Arkadenbögen ruhen freischwebend auf einer Hängekonsole. Eine Balusterbrüstung täuscht einen Umgang vor. In den Ecken stehen Bossis Stuckfiguren der Kardinaltugenden Tapferkeit, Mäßigkeit, Gerechtigkeit und Klugheit. Ein Spiegelgewölbe mit tiefen Stichkappen schließt den rechteckigen Raum. In den Gewölbezwickeln stehen Putten der vier Elemente. Die asymmetrische Deckenkonstruktion steht in einem Spannungsverhältnis zur strengen Treppenanlage.
Im Ostflügel liegen, zugänglich durch den Kreuzgang, die Sakramentskapelle, ehemals Sakristei, und die jetzige Sakristei, ehemals Kapitelsaal. Beide besitzen Spiegelgewölbe mit Stichkappen und Rokokostukkaturen. Die beiden Refektorien, ebenfalls im Ostflügel, und die frühere Abtswohnung im Südflügel, sind Besuchern nicht zugänglich.
Nach Hanswernfried Muth
*Baluster: Kleine Säule
Weitere Informationen finden Sie unter www.oberzell.de
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