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Weil sich Schulden nicht in Luft auflösen

Christophorus-Gesellschaft berät Gefangene direkt in der Würzburger Justizvollzugsanstalt

Würzburg (POW) Er hatte versucht, sich den „Finanzamtskram“ vom Leibe zu halten. Hatte die Zahlungsaufforderungen beharrlich ignoriert. Denn sie kamen immer zur Unzeit, wenn es eh knapp war mit dem Geld. Vier Jahre lang häuften sich bei Alex T. (Name geändert) Steuerschulden an. Seit zwei Jahren sitzt der 39-Jährige in Würzburg hinter Gittern – wegen Steuerhinterziehung und Diebstahl. Seitdem ist er mit Hilfe von Navina De von der ökumenischen Christophorus-Gesellschaft dabei, seine finanzielle Situation zu bereinigen.

Etwa 600 Männer und Frauen verbüßen derzeit in der Würzburger Justizvollzugsanstalt eine Haftstrafe. Zwischen 80 und 90 Prozent, schätzt Schuldnerberaterin Navina De, sind überschuldet. Diese hohe Quote spiegelt sich in der Beratungsstatistik: „Wir haben in diesem Jahr schon über 170 Mal beraten.“ Darunter waren mehr als 100 neue Klienten. Bisher beriet De alleine. Seit drei Monaten gibt es mit Berit Kemper eine zweite Schuldnerberaterin. Die beiden Frauen sind an zwei Tagen in der Woche vor Ort, um überschuldete Inhaftierte zu unterstützen. Oft ist es mit einem Kontakt nicht getan. Auch Alex T. hat schon mehrere Gespräche mit De hinter sich.

Er habe es früher nie geschafft, Geld auf die hohe Kante zu legen, berichtet der Gefangene. Dass das finanzielle Chaos immer größer wurde, führt er heute auf seine geringe Lebenserfahrung bei der Geschäftsgründung zurück: Alex T. war gerade volljährig geworden, als er sich selbständig machte. Er habe möglichst viel verdienen wollen, sagt er, um sich in der Freizeit möglichst gut zu amüsieren. Über die Zukunft hatte sich Alex T. keine Gedanken gemacht. Probleme, hatte er gehofft, würden sich irgendwann schon in Luft auflösen. Zwei Jahre hatte Alex T. nun Zeit, über sich nachzudenken. Künftig, meint er, möchte er anders leben.

Schuldnerberater bemühen sich um eine individuelle Lösung jedes einzelnen Falles. Das Besondere bei Alex T. ist, dass er fünf Kinder hat. Nicht zuletzt auch dieser Umstand trug zum enormen Schuldenberg bei: Der Würzburger zahlte lange keinen Unterhalt. Erst vor kurzem gelang es, die Zahlungen wegen des Gefängnisaufenthalts zu stoppen. Nun laufen zwar keine neuen Schulden auf. Doch der riesige Berg bleibt. Seit einem Monat hat Alex T. Hoffnung, bald wieder schuldenfrei zu sein. Mit Hilfe von De stieg er ins Restschuldbefreiungsverfahren ein. Gelingt die Privatinsolvenz, ist Alex T. in drei Jahren seine Schulden los.

Er sei nicht mehr derselbe wie vor seinem Gefängnisaufenthalt, sagt er von sich. Er habe viel begriffen: „Vor allem, dass sich Schulden nicht in Luft auflösen.“ Für diese Erkenntnis habe er bitter zahlen müssen. Hätte er früher verstanden, dass man finanziell nicht einfach alles laufen lassen darf, wäre ihm die Haft sehr wahrscheinlich erspart geblieben. Eingesperrt zu sein, ist für Alex T. schlimm. Besonders furchtbar sei es für ihn gewesen, dass er die Geburt seines fünften Sohnes nicht miterleben durfte, erzählt er. Da war er bereits im Knast. Alex T. hofft, Anfang 2022 entlassen zu werden. Dann will er noch einmal von vorn beginnen.

Heute würde sich Alex T. nie mehr ein teures Handy auf Raten kaufen. Gar nichts mehr würde er sich zulegen, was er nicht sicher finanzieren kann. Alex T. hofft, ab dem kommenden Jahr ein ganz normales Leben ohne neuerliche finanzielle Turbulenzen führen zu können. Zum Glück sind seine Startbedingungen besser als die vieler seiner Mitgefangenen. Alex T. hat noch eine Wohnung: „Darin lebt gerade mein Bruder.“ Viele Inhaftierte wissen nach der Entlassung nicht, wo sie bleiben sollen. Alex T. ist außerdem gut ausgebildet. Und überzeugt, dass er bald nach seiner Entlassung einen Job finden wird.

Dass er seit zwei Jahren über alles, was ihm unter den Nägeln brennt, mit Schuldnerberaterin De sprechen kann, empfindet Alex T. als sehr große Erleichterung. Anfangs sei es für ihn nicht einfach gewesen, von sich und von dem zu erzählen, was ihn bewegt. Doch dann habe er gemerkt, wie sehr solche Gespräche entlasten. Das geht vielen Gefangenen so. Aus diesem Grund denkt De gerade darüber nach, eine Selbsthilfegruppe für überschuldete Menschen in der JVA zu gründen. Solche Gruppen gibt es in Deutschland noch kaum, geschweige denn in einer Justizvollzugsanstalt: „Mir persönlich ist keine einzige Selbsthilfegruppe für Überschuldete direkt im Gefängnis bekannt.“

Vor allem junge Menschen seien im Umgang mit Geld nicht sehr geübt. Das war auch Alex T.s großes Problem. De schwebt aus diesem Grund ein weiteres neues Projekt vor: „Ich würde gerne in der Jugendarrestanstalt Schuldenpräventionskurse anbieten.“ Die Arrestanstalt befindet sich direkt gegenüber dem Gefängnis. Jugendliche und junge Erwachsene, die etwas ausgefressen haben, verbringen hier mehrere Tage bis zu vier Wochen. Der Arrest ist pädagogisch ausgerichtet. Weshalb der Präventionskurs gut ins Konzept passen würde. In dem Kurs würden die jungen Leute lernen, wie man mit wenig Geld klarkommt, und warum Ratenzahlungen so gefährlich sind.

sh (Christophorus-Gesellschaft)

(3921/0910; E-Mail voraus)

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