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Impulse

Unterschiedlichste Autoren im Bistum Würzburg veröffentlichen regelmäßig spirituelle Texte in Tageszeitungen, im Internet oder in Druckwerken. Die Interpretationen der christlichen Botschaft bestärken im Glauben, im alltäglichen Leben und regen zum Nachdenken an. Einige dieser Texte stellen wir hier für Sie zusammen.

Wort zum Wochenende am 21. Januar 2022

Alles eine Frage der Perspektive

Wir haben ein anderes, modernes Weltbild. Aber auch das will und muss gestaltet werden, so Jürgen Dolling.

Ja, sie sind immer noch an der Krippe in der Stephanskirche zu bewundern: die drei Weisen aus dem Morgenland. Das Kamel, das sie dabei haben, erinnert mich an das Brautpaar, das vor fast 43 Jahren nach dem Gottesdienst den Brautstrauß versteigerte, um dieses Kamel zu finanzieren - ein Lasttier des Orients, denn von dort kamen die drei Weisen, so berichtet es der Evangelist Matthäus. Ein Hauch von Tausendundeine Nacht in der Bibel. Die Tradition hat ihnen später nicht nur Namen gegeben und sie zu Königen gemacht, sondern ihnen auch die Teile der damals bekannten Erde zugewiesen: Asien, Afrika und Europa. Europa vertritt zumeist der alte Melchior, der "Lichtkönig".

Steigt man die Stufen im Treppenhaus der Würzburger Residenz hinauf, begegnen einem die Erdteile wieder. Aber jetzt sind es vier: Auch Amerika hat man entdeckt. Fantasievoll dargestellt ist die Indianerin mit ihrem Krokodil, auch ein Kamel kann man in Afrika entdecken. Europa dagegen kommt herrschaftlich daher, repräsentiert vom Würzburger Fürstbischof und seinem Gefolge. Giovanni Battista Tiepolo hat hier viele seiner Zeitgenossen verewigt.

Wir haben ein anderes, modernes Weltbild. Aber auch das will und muss gestaltet werden. "Was ist europäisch?", fragt der Würzburger Professor Dag Nikolaus Hasse in einer kleinen Denkschrift (Reclam-Verlag). Er fordert: Unser Denken und Reden muss entkolonialisiert und entromantisiert werden. Die kulturelle Vielfalt in Europa gilt es wiederzuentdecken und das Zusammenleben als Bereicherung. Keine Arroganz oder Selbstzufriedenheit. Sondern Solidarität und Respekt. Werte, die unserem Europa gut zu Gesicht stehen würden. Und uns natürlich auch. Dafür lohnt sich die Lektüre dieser Schrift, sie tut einem so manche Augen auf.

Und dann lerne ich die schlichten Holzfiguren unserer Krippe noch mehr schätzen. Sie sind so normal und schnörkellos, und zugleich haben sie Haltung. Der alte Mann Melchior kniet auf dem Boden, in der Hand hält er nur das Kästchen, dessen Inhalt verborgen ist. Seine Körperhaltung hat etwas Ehrfurchtsvolles, der Blick ist auf das Wunder des Lebens gerichtet. "Das wahre Licht scheint jetzt!" (1. Joh. 2,8). In der Epiphaniaszeit, die im Kirchenjahr bis Anfang Februar dauert, kann man dieses Licht wieder entdecken. Auch in Werten und anderen Sichtweisen. Es ist eben alles nur eine Frage der Perspektive.

Jürgen Dolling, Gemeindepfarrer in der Evang.-Luth. Dekanatskirche Würzburg St. Stephan

Der Impuls "Wort zum Wochenende" erscheint wöchentlich auf der Internetseite der Kirche in der Region Würzburg.

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