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Impulse

Unterschiedlichste Autoren im Bistum Würzburg veröffentlichen regelmäßig spirituelle Texte in Tageszeitungen, im Internet oder in Druckwerken. Die Interpretationen der christlichen Botschaft bestärken im Glauben, im alltäglichen Leben und regen zum Nachdenken an. Einige dieser Texte stellen wir hier für Sie zusammen.

Gedanken zum Vierten Advent

Zwei Modelle, eine Wahrheit

Paulus betont im Brief an die Römer, dass Jesu „dem Fleisch nach geboren ist als Nachkomme Davids“; Matthäus setzt bei der Herkunft auf Jungfrauengeburt und göttliche Zeugung. Ein Widerspruch? Fragen an den Neutestamentler Michael Hölscher.

Evangelium

Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes.

Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. Während er noch darüber nachdachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Siehe: Die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott mit uns.

Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.

Matthäusevangelium 1,18–24

Herr Professor Hölscher, warum hören wir im Gottesdienst zwei so unterschiedliche Texte an einem Sonntag direkt hintereinander?

Die Frage nach der Leseordnung, also warum wann welche Textpassagen gelesen werden, müsste jemand aus der Liturgiewissenschaft beantworten. Aber ich kann für die Exegese sagen, dass ich da inhaltlich gar keinen Widerspruch in den beiden Lesungen sehe.

Inwiefern?

Sowohl Paulus als auch Matthäus geht es um eine sehr ähnliche Aussage: Man kann in diesem Jesus den Sohn Gottes erblicken. Und weil Jesus ein Nachkomme Davids ist, ist er auch der erhoffte Messias. Wie Jesus nun genau zum Sohn Gottes und Sohn Davids wird, das erklären uns die Texte unterschiedlich.

Aber warum erzählt nur Matthäus von der göttlichen Zeugung, Paulus aber nicht?

Paulus setzt ganz auf die Herkunft Jesu: Jesus ist Nachkomme Davids. Matthäus beschreibt das übrigens wenige Verse vor dem Evangelium von diesem Sonntag ebenso, nämlich im Stammbaum Jesu. In der an diesem Sonntag gelesenen Stelle des Evangeliums betont Matthäus dann die göttliche Zeugung und das Wirken des Heiligen Geistes. Das ist in der Antike ein sehr gängiges und damals leicht verständliches Modell, um die außerordentliche Bedeutung einer Person herauszustellen. Etwa auch für Alexander den Großen, der im vierten vorchristlichen Jahrhundert lebte, sind Erzählungen über eine göttliche Zeugung überliefert.

Dann sind die Texte also nicht wortwörtlich zu verstehen?

Ich meine, dass es auf den Kontext ankommt, sowohl historisch als auch literarisch und vor allem auf die dahinter liegende Aussageabsicht und tiefer gehende Wahrheit – nicht auf die Reduzierung auf einzelne Worte und wie wir sie heute verstehen.

Wie meinen Sie das?

Zum Beispiel ist beim Stammbaum Jesu nicht die historische Abfolge bis in Namen und Zahlen hinein entscheidend – Lukas überliefert etwa einen ganz anderen Stammbaum. Sondern die grundlegende und außergewöhnliche Bedeutung Jesu, die sich aus seiner Herkunft ergibt. Die Aussage ist: Jesus gehört zur Familiengeschichte des Gottesvolkes Israel. Ja, mehr noch: Er ist Nachkomme Davids und deshalb kann er der Messias sein. Der Kern der Erzählung von der göttlichen Zeugung und Jungfrauengeburt ist: Gott greift schöpferisch in die Geschichte ein.

Es sind also zwei Modelle, um die Besonderheit Jesu zu erklären?

Ja, Jesus als Sohn Gottes und Sohn Davids – und damit als Messias – zu verstehen, sind zwei Modelle. Paulus bekennt sich in dem Lesungstext aus dem Römerbrief kurz und knapp zu Jesus als Sohn Gottes und Sohn Davids. Matthäus erzählt eine ganze Kindheitsgeschichte über Jesus und entfaltet darin seine Bedeutung als Davidsohn und Sohn Gottes. Interessant ist übrigens, dass Jesus bei Matthäus durch die göttliche Zeugung zum Sohn Gottes wird; bei Paulus wird Jesus erst mit seiner Auferweckung als Sohn Gottes eingesetzt.

Und die Jungfrauengeburt?

Die ist eine weitere Perspektive, die Matthäus – und übrigens auch Lukas – einspielen, um die außerordentliche Bedeutung Jesu herauszustellen. Dadurch kommt ein wichtiger Gedanke hinzu: Gott schafft mit Jesus etwas ganz Neues, das sich Menschen selbst nicht schaffen können. Ich denke, man muss alle diese Perspektiven zusammen sehen, nicht als Widerspruch. Kein Modell erklärt die Bedeutung Jesu vollständig und vor allem nicht losgelöst vom Kontext.

Welche Rolle spielt Josef in der Erzählung?

Er hat eine oft verkannte Schlüsselrolle. Denn im Stammbaum des Matthäus wird Jesus nicht in direkter Linie auf David zurückgeführt, sondern Josef. Indem Josef Jesus den Namen gibt, wie ihm der Engel aufgetragen hat, adoptiert er Jesus und macht ihn dadurch zum Sohn Davids.

Was bedeutet das für uns heute?

Entscheidend ist, dass Jesus als Davidsohn der Sohn Gottes und der erwartete Messias ist. Diese tiefe Überzeugung steht hinter den Aussagen und Versen. Das gilt für Paulus wie für Matthäus – und für uns heute.

Was empfehlen Sie einem Gottesdienstbesucher, wenn er durch die beiden Lesungen dennoch verwirrt wird?

Das gilt nicht nur für Gottesdienstbesucher: Es gibt gute Lese- und Verstehenshilfen des Katholischen Bibelwerkes zu den Texten; es gibt Bibelkreise, die sich mit der Frage auseinandersetzen, was die Bibelstellen für das persönliche Leben bedeuten; es gibt hoffentlich auch gute Predigten und gute exegetische Fachkompetenz. Und nicht zuletzt gilt immer der Tipp, dass Bibelstellen im Zusammenhang gelesen werden, also auch die Verse, die vor und nach der im Gottesdienst gehörten Lesung stehen; vielleicht auch die Verse, die bei der Lesung ausgelassen wurden. Im Evangelium dieses Sonntags wird zum Beispiel der letzte Vers gar nicht gelesen, obwohl er doch so wichtig ist: Josef „gab ihm den Namen Jesus“.

Michael Kinnen

Zur Person

Michael Hölscher (42) ist Professor für Exegese des Neuen Testaments an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum.