Vermutlich habe ich Ostern noch nie so intensiv erlebt wie in der vergangenen Woche. Etwas ist passiert, das mich nachdenklich stimmt. Die Woche vor Ostern war von kaltem, nassgrauem Wetter geprägt. Am Montag der Karwoche stand ich, mit vom Wind zerzausten Haaren, zusammen mit meinem ehemaligen Chef am Dom. Wir warteten auf einen Freund, der sich verspätete. Um uns herum war alles grau, die Sonne zeigte sich nicht einmal und ich habe unglaublich gefroren. Doch genau eine Woche später, am Ostermontag, strahlte der Frühling mit aller Macht. Die Blüten an den Bäumen erblühten in den lebendigsten Farben. Vielleicht konnten Sie das in diesem Jahr auch so intensiv erleben.
Mir wird immer bewusster: Wir bleiben nicht im Karfreitag. Auch wenn wir die Dunkelheit, diese Spannung aushalten müssen, zeigt uns Ostern, dass es weitergeht. Das Leben geht weiter, das Licht kommt zurück. Es ist eine Erinnerung daran, dass die Hoffnung niemals ganz verloren ist – auch wenn es in den dunklen Zeiten schwer fällt, an sie zu glauben.
Im Evangelium des kommenden Sonntags begegnen wir Thomas, einem der Jünger Jesu. Er wird als skeptisch beschrieben. Thomas verpasste einen entscheidenden Moment: Während die anderen Jünger in einem Raum mit verschlossenen Türen zusammen waren und der auferstandene Jesus sich ihnen zeigte, war er nicht dabei. Den Erzählungen seiner Freunde konnte er nicht glauben. Er wollte Beweise – seine eigenen Augen, seine eigenen Hände benutzen, um das Geschehen zu begreifen. Und er hatte Glück. Jesus kam noch einmal und bot Thomas die Gelegenheit zu einer ganz persönlichen Begegnung mit dem Auferstandenen.
Wie oft wünsche ich mir, dass es in meinem eigenen Leben auch so einfach wäre. Ein Blick in die Zukunft, ein Moment des Glücks, der noch vor mir liegt, würde so manches dunkle Loch erträglicher machen und meine Hoffnung stärken. Doch vielleicht kann ich mir in diesem Jahr das Gefühl von Ostern bewahren. Die Erkenntnis, dass das Leben wirklich weitergeht, trägt mich durch den Frühling und darüber hinaus.
Gemeindereferentin, Annemarie Göbel, Ehe- und Familienseelsorgerin im Dekanat Würzburg
