Dunkelgrau und wolkenverhangen. So könnte man die Welt gerade beschreiben. Mein Zustand: Dunkelgraue Sorgenfalten. Ich bin müde. Wintermüde. Krisenmüde. Vor allem müde von der Gleichzeitigkeit der Schreckensnachrichten. Wie hohe Berge wirft der eine noch Schatten auf die nächste Verzweiflungsbotschaft. Es macht wir Angst, wenn rassistische Hassreden wieder Einzug in die politischen Debatten erhalten. Ich erstarre vor Grauen wegen der Epstein Files und bin wütend darüber, wie die Machtreichen Gerechtigkeit und Verantwortung für sich selbst in neue Formen gießen. Die Welt ist dunkelgrau. Voller Sorgenwolken, gegen deren Schwere ich mich hilflos fühle.
Liebe Lesende, vielleicht geht es Ihnen gerade ähnlich. Leid ist so alt wie die Menschheit selbst. Es gibt viele Leidensgeschichten in der Bibel. In der Geschichte von Hiob ist ein ganzes Buch dem Thema Leid gewidmet. Auch die biblischen Klagepsalmen haben das Leid zum Inhalt. Hier klagen Menschen Gott ihr Elend. Schonungslos wütend und herzzerreißend ehrlich. „Bis wann muss ich sorgenvolle Gedanken tragen in meinem Leben, Kummer in meinem Herzen Tag für Tag?“ So heißt es im Psalm 13. In diesen Tagen spricht er mir aus der Seele. Jesus selbst schreit am Kreuz vor seinem Tod den Vers eines Klagepsalms. Ich glaube, die Bibel kann uns da etwas lehren, was wir oft verlernt haben. Das Schwere fühlen und aushalten. Zulassen, dass man gerade allen Grund zum Klagen hat. Und dann wirklich laut klagen - Gott, dem Mitmenschen, dem eigenen Tagebuch. Klagen, Weinen, Schreien ist Ausdruck des Leidens. Und Ausdruck bringt etwas in Bewegung. Wer klagt, der tut zumindest etwas. Und vielleicht kann allein dieses Tun dem Gefühl der Ohnmacht etwas entgegensetzen.
An Gott Glauben heißt für mich, durch die Tiefe des Lebens im Vertrauen auf Gottes Beistand gehen. In den wolkenverhangenen Stürmen auf Gott an meiner Seite vertrauen. Als mir zuhörendes Gegenüber. Das nicht das Leid in Glück verwandelt, sondern es mit mir gemeinsam aushält. Wie einst Jesus selbst am Kreuz. Und wo wir klagen, da hören uns andere. Hören, dass etwas nicht in Ordnung ist. Wo wir miteinander klagen, weinen und uns trösten, da geht es ganz ehrlich menschlich zu. Mitmenschlich könnte man sagen. Wo wir füreinander da sind, da entsteht Wärme. Wo wir Unrecht nicht still hinnehmen, sondern anklagen, kann ein Aufwind der Veränderung entstehen. Und naja, Wärme und Wind haben schon so manche Wolke die Richtung ändern lassen.
Es grüßt Sie, Pfarrerin Annika Kringel
Pfarrerin Annika Kringel, 2. Pfarrstelle der Pfarrei im Mainwerntal mit Schwerpunkt Karlstadt, Zellingen und Außenorten
