„Das Essen ist wichtig. Aber euer Zuhören ist mir noch wichtiger.“
Diese Worte hörte ich von einer Frau in der Mensa von Sant’Egidio. Jeden Sonntag bekommt sie dort eine warme Mahlzeit. Sie lebt auf der Straße. Sie weiß, was Hunger bedeutet. Und dennoch ist ihr das Zuhören wichtiger als das Essen. „Und dass ihr mich nicht verurteilt“, fügte sie hinzu.
Weltweit fasten derzeit über eine Milliarde Menschen – Christinnen und Christen in der vorösterlichen Zeit, Musliminnen und Muslime im Ramadan. Auch viele ohne religiöse Bindung verzichten auf Süßigkeiten, Alkohol oder soziale Medien. Fasten liegt im Trend.
Aber worauf verzichten wir wirklich?
Auf Kalorien?
Oder auf Härte?
Auf Gewohnheiten?
Oder auf Rechthaberei?
Die evangelische Aktion „Sieben Wochen ohne Härte“ trifft einen Nerv. Denn Härte hat Konjunktur. In Debatten, in sozialen Netzwerken, in politischen Auseinandersetzungen. Urteile fallen schnell. Zuhören dauert.
Dabei sind die Herausforderungen groß. Rund 673 Millionen Menschen weltweit leiden an Hunger, im Sudan ist die Lage dramatisch. Menschen kämpfen ums Überleben – und wir kämpfen oft nur darum, Recht zu behalten. Auch hierzulande wächst eine stille Not: Jeder zweite junge Mensch fühlt sich einsam. Einsamkeit kann krank machen – und sie macht empfänglich für einfache, radikale Antworten.
„Wer nicht lange und geduldig zuhören kann, der wird am Andern immer vorbeireden“, schreibt Dietrich Bonhoeffer. Papst Leo rückt in diesem Jahr das Zuhören in den Mittelpunkt der Fastenzeit.
Vielleicht wäre das radikalste Fasten dieser Wochen nicht der Verzicht auf Süßes. Sondern der Verzicht auf vorschnelles Urteilen. Dreißig oder vierzig Tage lang bewusst zuhören. Ohne inneres Augenrollen. Ohne Schubladen.
„Gib mir ein hörendes Herz“, bittet der junge König Salomo. Nicht Macht. Nicht Stärke. Ein hörendes Herz.
Gerade in Krisenzeiten sind Schuldige schnell benannt. Ein hörendes Herz sucht nicht zuerst den Sündenbock. Es beginnt bei mir selbst – bei meinem Ton, meiner Geduld, meiner Bereitschaft, mich berühren zu lassen.
Meine Schülerinnen und Schüler sagten einmal: Wenn Erwachsene so fasten würden, würden sie vielleicht merken, dass es ohne Krieg und Streit schöner ist – und gar nicht mehr damit anfangen.
Ein kindlicher Gedanke. Und vielleicht der klügste.
Die Fastenzeit ist eine Zeit der Hoffnung.
Vielleicht beginnen wir in diesen Wochen nicht nur weniger zu essen.
Sondern mehr zu hören.
Evangelische Pfarrerin Angelika Wagner
